Warum Baumgrenzen nicht einfach mit dem Klima steigen
Globale Studie zeigt ein deutlich komplexeres Bild
Eine globale Studie der Universität Basel mit Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften(ÖAW) zeigt ein überraschendes Bild: Während 42 Prozent der Baumgrenzen weltweit bergauf wandern, gehen 25 Prozent sogar zurück. Hinter dieser widersprüchlichen Entwicklung steckt mehr als nur die Erwärmung – Klimawandel und menschliche Landnutzung wirken zusammen.
Die Klimakrise verschiebt Baumgrenzen nach oben. So zumindest die verbreitete Annahme. Doch eine neue globale Studie zeigt ein deutlich komplexeres Bild: Zwar sind 42 Prozent der Baumgrenzen zwischen 2000 und 2020 bergauf gewandert, gleichzeitig haben sich 25 Prozent jedoch hangabwärts verschoben.
Die Forschung macht deutlich: Temperatur allein erklärt diese Veränderungen nicht. Menschliche Eingriffe in die Landschaft – etwa veränderte Landnutzung – beeinflussen maßgeblich, wie sich Baumgrenzen entwickeln. Die Ergebnisse der Studie „Global elevational shifts and drivers of alpine treelines“ sind kürzlich in der Fachzeitschrift International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation erschienen. Die Forschenden untersuchten die Verschiebungen der tatsächlichen Baumgrenze anhand von Satellitendaten. Diese verglichen sie mit der potenziellen Baumgrenze, also welche Verbreitung in der besagten Region aufgrund der Temperaturen möglich wäre.
Die Studie macht damit Prozesse sichtbar, die sich über Jahrzehnte hinweg vollziehen. „Wie sich die Baumgrenzen verschieben, geschieht eher langsam – wir bräuchten ein ganzes Leben, um die Veränderungen voll zu erfassen“, sagt Mathieu Gravey vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Temperatur ist nicht alles
Baumgrenzen gelten als besonders anschauliches Symbol des Klimawandels. Doch dieser Eindruck greift zu kurz, betont Sabine Rumpf vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. „Wenn man mit Menschen über Klimawandel redet, gibt es meist zwei Bilder: den Gletscherrückgang und die Verschiebung der Baumgrenzen. Baumgrenzen werden oft nur dem Klimawandel zugerechnet. Aber so einfach ist es nicht. Während beim Schwinden der Gletscher klar der Klimawandel die Ursache sind, sind die Gründe bei den Baumgrenzen vielschichtiger“, sagt Rumpf.
Zwar bestimmt die Temperatur grundsätzlich, wo Bäume potenziell wachsen können. Doch wo sich Baumgrenzen tatsächlich befinden und wie sie sich verändern, hängt stark von menschlicher Nutzung ab.
In den europäischen Alpen etwa werden hochgelegene Almen zunehmend aufgegeben. Wo Weidewirtschaft zurückgeht, können Bäume wieder nachrücken: Die tatsächliche Baumgrenze verschiebt sich in die Höhe. „Es geht nicht darum, dass der alpine Raum genutzt wird, sondern dass sich die Nutzung verändert“, erklärt Rumpf. „Je mehr Almen aufgegeben werden, desto mehr wachsen Bäume dort zurück, wo sie eigentlich früher schon hätten sein können.“
Die Studie zeigt global: Je stärker eine Region historisch genutzt wurde, desto größer ist der Einfluss von Landnutzungsänderungen auf die heutige Baumgrenzendynamik. Temperatur und Landnutzung wirken dabei oft gleich stark.
Neben der Landnutzung spielen auch andere Störungen wie Brände eine Rolle. Weltweit lassen sich 38 Prozent der hangabwärts gerichteten Baumgrenzen-Verschiebungen mit Feuerereignissen in Verbindung bringen. „Brände sind zwar ein Beispiel für natürliche Störungen“, sagt der Erstautor der Studie, Tianchen Liang von der Universität Basel. „Aber viele Waldbrände – etwa in Nordamerika – sind heute nicht mehr vollständig von menschlichen Einflüssen zu trennen. Der Klimawandel und menschliche Aktivitäten erhöhen ihre Frequenz und ihr Ausmaß.“ Dies verdeutliche, wie komplex die Zusammenhänge sind: „Es ist schwer, menschliche und natürliche Einflüsse und Auslöser voneinander zu unterscheiden.“
Ein Puzzlestück im Verständnis des Klimawandels
Laut den Forschenden ist die Baumgrenze ein wichtiges, aber oft missverstandenes Signal im globalen Wandel. „Die Verschiebung der Baumgrenzen ist wie ein Teil eines großen Puzzles, um den Einfluss des Klimawandels zu verstehen“, sagt Mathieu Gravey.
Doch ihre Bedeutung reicht über die Wissenschaft hinaus, betont Sabine Rumpf. „Baumgrenzen sind ein plakatives Beispiel dafür, wie wir als Menschen unsere Umwelt verändern, direkt durch Landnutzung und indirekt durch die Folgen des menschgemachten Klimawandels.“ Viele globale Umweltveränderungen seien abstrakt und schwer greifbar. „Oft sind die Folgen unseres Handelns sehr weit entfernt von dem, was wir im Alltag tun. Wir treffen Entscheidungen in unserem Privatleben oder bei Wahlen – aber die Konsequenzen sind nicht unmittelbar sichtbar“, sagt Rumpf. „Es ist extrem schwer, die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen direkt abzulesen.“ Baumgrenzen seien hier eine Ausnahme. „Sie sind eine der wenigen Veränderungen, die intuitiv begreifbar sind. Auf Fotos von früher und heute lässt sich sofort erkennen, wie sich die Landschaft verändert.“
Gerade deshalb sei es wichtig, Baumgrenzen richtig zu interpretieren. Sie reagieren nicht nur auf steigende Temperaturen, sondern auf ein komplexes Zusammenspiel aus Klimawandel, Landnutzung und natürlichen Störungen wie Feuer. Die Studie macht deutlich: Wer die Folgen des globalen Wandels verstehen will, muss sowohl direkte menschliche Eingriffe – wie Landnutzungsänderungen zum Beispiel – als auch klimatische Veränderungen berücksichtigen, die ebenfalls durch menschliche Aktivitäten verursacht werden. Baumgrenzen sind damit kein reines Thermometer der Erwärmung – sondern Ausdruck vielschichtiger globaler Veränderungen. (Schluss)
Die Klimakrise verschiebt Baumgrenzen nach oben. So zumindest die verbreitete Annahme. Doch eine neue globale Studie zeigt ein deutlich komplexeres Bild: Zwar sind 42 Prozent der Baumgrenzen zwischen 2000 und 2020 bergauf gewandert, gleichzeitig haben sich 25 Prozent jedoch hangabwärts verschoben.
Die Forschung macht deutlich: Temperatur allein erklärt diese Veränderungen nicht. Menschliche Eingriffe in die Landschaft – etwa veränderte Landnutzung – beeinflussen maßgeblich, wie sich Baumgrenzen entwickeln. Die Ergebnisse der Studie „Global elevational shifts and drivers of alpine treelines“ sind kürzlich in der Fachzeitschrift International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation erschienen. Die Forschenden untersuchten die Verschiebungen der tatsächlichen Baumgrenze anhand von Satellitendaten. Diese verglichen sie mit der potenziellen Baumgrenze, also welche Verbreitung in der besagten Region aufgrund der Temperaturen möglich wäre.
Die Studie macht damit Prozesse sichtbar, die sich über Jahrzehnte hinweg vollziehen. „Wie sich die Baumgrenzen verschieben, geschieht eher langsam – wir bräuchten ein ganzes Leben, um die Veränderungen voll zu erfassen“, sagt Mathieu Gravey vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Temperatur ist nicht alles
Baumgrenzen gelten als besonders anschauliches Symbol des Klimawandels. Doch dieser Eindruck greift zu kurz, betont Sabine Rumpf vom Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel. „Wenn man mit Menschen über Klimawandel redet, gibt es meist zwei Bilder: den Gletscherrückgang und die Verschiebung der Baumgrenzen. Baumgrenzen werden oft nur dem Klimawandel zugerechnet. Aber so einfach ist es nicht. Während beim Schwinden der Gletscher klar der Klimawandel die Ursache sind, sind die Gründe bei den Baumgrenzen vielschichtiger“, sagt Rumpf.
Zwar bestimmt die Temperatur grundsätzlich, wo Bäume potenziell wachsen können. Doch wo sich Baumgrenzen tatsächlich befinden und wie sie sich verändern, hängt stark von menschlicher Nutzung ab.
In den europäischen Alpen etwa werden hochgelegene Almen zunehmend aufgegeben. Wo Weidewirtschaft zurückgeht, können Bäume wieder nachrücken: Die tatsächliche Baumgrenze verschiebt sich in die Höhe. „Es geht nicht darum, dass der alpine Raum genutzt wird, sondern dass sich die Nutzung verändert“, erklärt Rumpf. „Je mehr Almen aufgegeben werden, desto mehr wachsen Bäume dort zurück, wo sie eigentlich früher schon hätten sein können.“
Die Studie zeigt global: Je stärker eine Region historisch genutzt wurde, desto größer ist der Einfluss von Landnutzungsänderungen auf die heutige Baumgrenzendynamik. Temperatur und Landnutzung wirken dabei oft gleich stark.
Neben der Landnutzung spielen auch andere Störungen wie Brände eine Rolle. Weltweit lassen sich 38 Prozent der hangabwärts gerichteten Baumgrenzen-Verschiebungen mit Feuerereignissen in Verbindung bringen. „Brände sind zwar ein Beispiel für natürliche Störungen“, sagt der Erstautor der Studie, Tianchen Liang von der Universität Basel. „Aber viele Waldbrände – etwa in Nordamerika – sind heute nicht mehr vollständig von menschlichen Einflüssen zu trennen. Der Klimawandel und menschliche Aktivitäten erhöhen ihre Frequenz und ihr Ausmaß.“ Dies verdeutliche, wie komplex die Zusammenhänge sind: „Es ist schwer, menschliche und natürliche Einflüsse und Auslöser voneinander zu unterscheiden.“
Ein Puzzlestück im Verständnis des Klimawandels
Laut den Forschenden ist die Baumgrenze ein wichtiges, aber oft missverstandenes Signal im globalen Wandel. „Die Verschiebung der Baumgrenzen ist wie ein Teil eines großen Puzzles, um den Einfluss des Klimawandels zu verstehen“, sagt Mathieu Gravey.
Doch ihre Bedeutung reicht über die Wissenschaft hinaus, betont Sabine Rumpf. „Baumgrenzen sind ein plakatives Beispiel dafür, wie wir als Menschen unsere Umwelt verändern, direkt durch Landnutzung und indirekt durch die Folgen des menschgemachten Klimawandels.“ Viele globale Umweltveränderungen seien abstrakt und schwer greifbar. „Oft sind die Folgen unseres Handelns sehr weit entfernt von dem, was wir im Alltag tun. Wir treffen Entscheidungen in unserem Privatleben oder bei Wahlen – aber die Konsequenzen sind nicht unmittelbar sichtbar“, sagt Rumpf. „Es ist extrem schwer, die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen direkt abzulesen.“ Baumgrenzen seien hier eine Ausnahme. „Sie sind eine der wenigen Veränderungen, die intuitiv begreifbar sind. Auf Fotos von früher und heute lässt sich sofort erkennen, wie sich die Landschaft verändert.“
Gerade deshalb sei es wichtig, Baumgrenzen richtig zu interpretieren. Sie reagieren nicht nur auf steigende Temperaturen, sondern auf ein komplexes Zusammenspiel aus Klimawandel, Landnutzung und natürlichen Störungen wie Feuer. Die Studie macht deutlich: Wer die Folgen des globalen Wandels verstehen will, muss sowohl direkte menschliche Eingriffe – wie Landnutzungsänderungen zum Beispiel – als auch klimatische Veränderungen berücksichtigen, die ebenfalls durch menschliche Aktivitäten verursacht werden. Baumgrenzen sind damit kein reines Thermometer der Erwärmung – sondern Ausdruck vielschichtiger globaler Veränderungen. (Schluss)
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