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Graz, 30. Oktober 2026 (aiz.info)

Ernte 2026: Dürre und Hitze hinterlassen tiefe Spuren

Extreme Dürre lässt erstmals den gesamten Wurzelraum der Acker- und Wiesenböden austrocknen. Klimawandel schafft knochentrockene Verhältnisse für Mais, Kürbis, Klee und Co

Landwirtschaft sehr verwundbar. Klimawandelanpassung läuft. „Das heurige Anbau- und Vegetationsjahr zählt zu den schwierigsten in der jüngeren Geschichte der Landwirtschaft. Der schneller als erwartet voranschreitende Klimawandel führt uns die große Verwundbarkeit der Landwirtschaft drastisch vor Augen“, stellte Landwirtschaftskammer Steiermark-Präsident Andreas Steinegger der detaillierten Erntebilanz voran. Mit gezielten Anpassungsmaßnahmen wirken die Bäuerinnen und Bauern – unterstützt von Kammer und Land – aktiv den Folgen der Klimaerhitzung entgegen, um Auswirkungen abzumildern und Schäden zu begrenzen. Doch die Klimawandelanpassung geht nicht von heute auf morgen, sie braucht Zeit und stellt die Bauernfamilien vor vielen neuen Herausforderungen. 

Rekordschäden durch Extremdürre. 

Laut Österreichischer Hagelversicherung ist in der steirischen Landwirtschaft durch Dürre, Spätfröste im Frühjahr und Hagel heuer ein Gesamtschaden von 183 Millionen Euro entstanden, wovon die Extremdürre einen Rekordschaden von 140 Millionen Euro angerichtet hat. Die Temperaturen waren im Durchschnitt um 4 Grad Celsius höher, in den für Mais entscheidenden Monaten Juni und Juli gab es 50 bis 100 Prozent weniger Regen als üblich. In den für Grünland wichtigen Monaten April bis August betrug das Niederschlagsdefizit 84,5 Prozent. Die traurige Bilanz der wichtigsten Kulturen: Die Maisernte ist im Schnitt katastrophal ausgefallen und verzeichnet als wichtigste Ackerkultur des Landes ein sattes Minus von 25 Prozent, wobei die Bandbreite je nach Standort von guten Erträgen bis Totalausfälle reicht. Extrem betroffen von den wiederkehrenden Trocken- und Hitzewellen ist das Grünland mit Einbußen von bis zu 70 Prozent auf exponierten Lagen. Auch wenn gentechnikfreies Soja die Trockenheit besser bewältigt hat, liegt das Ertragsminus im Schnitt bei bis zu 20 Prozent. Um 35 Prozent geringer ist die Apfelernte ausgefallen, katastrophal ist auch die Erdäpfelernte. Die halbe Chinakohl-Ernte ist in Gefahr und große Einbußen sind auch bei Kren und Käferbohnen zu erwarten. Besser als ursprünglich prognostiziert ist die Kürbisernte ausgefallen, die im steirischen Schnitt letztlich Durchschnittserträge brachte. Erfreulich ausgefallen ist die Weinernte und bei Getreide gab es sogar Spitzenerträge. 

Offensive Futtervermittlung läuft bis in den Frühsommer 2027. 

Um die Futterversorgung von Rindern, Schafen, Ziegen, Pferde und anderen raufutterverzehrenden Tieren auf den Bauernhöfen zu sichern, hat die Landwirtschaftskammer gemeinsam mit den schlagkräftigen steirischen Maschinenringen, Bio Austria Steiermark schon im Frühsommer 2026 eine Futtervermittlungsoffensive ins Leben gerufen. „Sie läuft bis ins nächste Frühjahr“, betont Steinegger. Der gesamte Futtermittelbedarf liegt bei 150.000 Tonnen Grundfutter in Trockenmasse oder 6.000 LKW-Zügen Heu. Mit der Initiative „Von Bauer zu Bauer“ setzt die Landwirtschaftskammer eine weitere wichtige Maßnahme zur Futtervermittlung bis in den Frühsommer 2027 um. Steinegger: „Dabei bauen Ackerbauern vertraglich vereinbart Grünroggen, Kleegras oder Zwischenfrüchte an und bieten dieses Futter den Rinderbauern direkt an.“ 

Agrarlandesrätin Simone Schmiedtbauer: „Die heurige Erntebilanz zeigt deutlich: Der Klimawandel ist längst Realität und stellt unsere steirischen Bäuerinnen und Bauern vor massive Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, unsere land- und forstwirtschaftlichen Betriebe bei der Klimawandelanpassung noch intensiver zu unterstützen. Der Schlüssel dazu ist Wasser. Deshalb werden wir nicht nur die Umsetzung des Wassernetzwerks Steiermark 2050 mit insgesamt 150 Millionen Euro weiter vorantreiben, sondern auch eine umfassende Wasserstrategie für die Steiermark erarbeiten. Dabei wollen wir gemeinsam mit Expertinnen und Experten, unseren Bäuerinnen und Bauern, Gemeinden, Wasserverbänden und weiteren Verantwortungsträgern konkrete Lösungen entwickeln: für eine langfristig gesicherte Wasserversorgung, gesunde Grundwasserressourcen, speicherfähige Böden und mehr Wasserrückhalt in der Landschaft. Dazu gehören auch der gezielte Aufbau von Humus, ein besseres Verständnis unserer Wasserkreisläufe und ein noch verantwortungsvollerer Umgang mit dieser wertvollen Ressource. Wir müssen heute die richtigen Weichen stellen, damit unsere Regionen auch bei zunehmender Trockenheit widerstandsfähig bleiben. Unser Ziel ist klar: Wir wollen auch in Zukunft die Versorgung mit nachhaltigen, heimischen Lebensmitteln in höchster Qualität sicherstellen. Mein Dank gilt unseren Bäuerinnen und Bauern, die trotz dieser schwierigen Bedingungen tagtäglich Großartiges leisten. Wir werden sie bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels bestmöglich unterstützen.“ 

Landwirtschaft arbeitet schon lange an Klimawandelanpassung. 

„Die Bäuerinnen und Bauern mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel sind nicht nur sehr stark von den Folgen des Klimawandels betroffen, sie arbeiten schon seit vielen Jahren wirksam an der Klimawandelanpassung“, unterstreicht Steinegger. Allerdings ist die Klimawandelanpassung ein komplexer Prozess, der Zeit braucht und zudem viel Wissen, eine gute Beratung, Praxisversuche sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse benötigt. Vier zentrale Aktivitäten zur Klimawandelanpassung sind, wie Steinegger ausführt:

•    Klimafitte Grünlandwirtschaft. Unser „Kompetenzzentrum Grünland“ im Murtal zielt seit Jahren auf eine klimafitte Grünlandwirtschaft, unsere Experten vermitteln dieses neue Wissen an die Bäuerinnen und Bauern. „Eine von vielen Maßnahmen ist das Säen von trockenheitstoleranteren Futterpflanzen wie Knaulgras, Rohrschwingel, Luzerne, Rotklee, Hornklee oder Spitzwegerich“, unterstreicht Steinegger. 

Weitere Maßnahmen sind: Fruchtfolge mit regelmäßiger Neuanlage von Grünland; eine gezielte Nährstoffversorgung, damit sich bei Trockenheit die Wiesen und Weiden schneller erholen können sowie Koppelweiden.

•    Schlüsselrolle Boden – bei Humusaufbau auf gutem Weg. „Eine Schlüsselrolle zur Abmilderung der Klimawandelschäden in der Landwirtschaft nimmt der Boden ein. Hier sind die steirischen Bäuerinnen und Bauern auf einem guten Weg, die Widerstandskraft der Böden gegen Trockenheit und Starkniederschläge zu verbessern“, betont Steinegger. Er verweist in diesem Zusammenhang auf das von der Landwirtschaftskammer in Feldbach (Bezirkskammer Südoststeiermark) eingerichtete Kompetenzzentrum für Acker, Humus und Erosionsschutz. Die LK-Humusberater unterstützen die Ackerbauern beim Humusaufbau beispielsweise durch Begrünungen und Zwischenfruchtanbau auf tausenden Hektaren. Steinegger: „Humus wirkt wie ein natürlicher Wasserspeicher. Duch entsprechende Bewirtschaftungsmaßnahmen können Ackerflächen um bis zu 20 Liter pro Quadratmeter mehr Wasser halten. Pro Hektar sind das maßgebliche 200.000 Liter. Bei Trockenheit hilft dies den Pflanzen, länger vital zu bleiben.“

•    Obstbau: Investitionen in Bewässerung wirken – ein Drittel der steirischen Apfelernte vor dem Vertrocknen geschützt. Seit zehn Jahren ist der heimische Obstbau massiv von Spätfrösten und Trockenheit betroffen. Die Obstbaubetriebe sind daher gezwungen, laufend in wirksame Kulturschutzmaßnahmen zu investieren. Dabei ist die Verfügbarkeit von Wasser der entscheidendste Faktor. Mit starker finanzieller Unterstützung des Landes Steiermark wurden seit 2023 Bewässerungsmöglichkeiten für rund 550 Hektar zusätzliche Obstbaufläche geschaffen. Das geschätzte Investitionsvolumen beträgt rund 20 Millionen Euro. „Die Wirkung ist deutlich sichtbar“, so Steinegger: „Allein heuer konnte so rund ein Drittel der gesamten steirischen Apfelernte – etwa 30.000 Tonnen – vor dem Vertrocknen bewahrt werden. Bewässerung ist die Investition in die Zukunft des steirischen Obstbaus.“

•    Bessere Hitzetoleranz bei Steirischen Käferbohnen. „Sehr vielversprechend ist die Züchtung von Käferbohnensorten, die eine bessere Hitzetoleranz aufweisen und früher reifen“, unterstreicht Steinegger. Seit 2012 arbeiten die Saatzucht Gleisdorf gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer, dem Land Steiermark, der Alwera AG sowie der Plattform zum Schutz der Steirischen Käferbohne an diesem Projekt. „Mit den neuen Sorten erwarten wir uns stabile Erträge und eine gleichmäßige Abreife besonders in heißeren Jahren“, betont Steinegger. Seit einigen Jahren zeichnet sich auch ab, dass sich die Obersteiermark als Anbaugebiet eignet. 

Kammerdirektor Werner Brugner: In entscheidenden Entwicklungsphasen litten die Pflanzen massiv an Hitze und Trockenheit. Wie Wassermangel und Hitze auf die Pflanzen wirken erläuterte Kammerdirektor Werner Brugner am Beispiel Mais auf sandigen Böden: „Schon die Anbauzeit im Frühjahr war herausfordernd. Keimung und Aufgang verzögerten sich – die Ackerkulturen entwickelten sich ungleich, sie blieben ab Juni in der Wuchshöhe zurück. Hitze und Trockenheit bewirkten eine schlechte Befruchtung, was zu kleineren Kolben und kleineren Körnern führte. Auf sandig-schottrigen Böden kam es sogar zu Totalausfällen.“

Vizepräsidentin Maria Pein: Ernte darf kein Zufall sein – mit Bodensensoren Wasser besser nutzen. „Eine gute Ernte darf in Klimawandel-Zeiten kein Zufall sein. In der Klimakrise Erträge retten, Versorgung sichern und gleichzeitig Böden und Wasser schützen, das ist eine Herkulesaufgabe“, unterstreicht Vizepräsidentin Maria Pein. Ein echter „Gamechanger“ ist der Einsatz moderner Online-Bodensensoren, die in Zeiten von Wassermangel eine immer größere Rolle spielen. Viele Versuchsflächen wurden mit Bodensonden ausgestattet, die in Tiefen von 13, 30, 45 und 60 Zentimetern kontinuierlich Temperatur- und Feuchtigkeitsdaten liefern. Die Messdaten zeigen, dass Wasser in tieferen Bodenschichten nicht nur durch Bodenbearbeitung, sondern auch durch gezielte Düngung besser erschlossen und damit die Ernte besser abgesichert werden kann. Aktuell betreut die Landwirtschaftskammer 16 unterschiedliche Praxisversuche an 38 Standorten mit insgesamt 1.523 Versuchsparzellen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Pflanzen widerstandsfähiger gegen Trockenheit und zunehmende Wetterextreme gemacht werden können. Untersucht werden neue Ansätze bei der Bodenverarbeitung, Düngung, Sortenwahl sowie innovative Anbau- und Pflegeverfahren. 

Stefan Bischof, Bioheumilchbauer aus Bruck an der Mur. „Das heurige Extremjahr war für mich ein Katastrophenjahr. Bei mir sind zwei Grünland-Schnitte total ausgefallen, sodass ich nur die Hälfte einer Normalernte einbringen konnte. Schon im Juni habe ich Futter zugekauft, damit ich meine 30 Rinder gut mit Futter versorgen konnte. Das Winterfutter wird knapp werden, daher überlege ich den Viehbestand zu reduzieren. Die Einkommenseinbußen werden sich bis weit ins nächste Jahr ziehen. Zur Klimawandelanpassung säe ich so weit wie möglich trockenheitstolerantere Gräser nach, allerdings erfordern diese tiefgründigen Böden, die auf meinem Betrieb kaum vorhanden sind.“

Elias Götz, Landwirt, St. Veit in der Südsteiermark. „Jeder Tropfen, der fällt ist wertvoll. Ich versuche auch jeden Tropfen auf meinen Ackerflächen zu halten. Entscheidend ist die Krümelstruktur des Bodens, die wie ein Schwamm wirken kann – nämlich Wasser aufnehmen, halten und bei Trockenheit wieder zur Verfügung zu stellen. Gerade deshalb säe ich das Saatgut – ohne Bearbeitung – direkt in den Boden ein. Weiters achte ich darauf, dass der Boden immer mit Begrünung oder Ernteresten bedeckt ist. Gleichzeitig schaue ich, dass der Boden gut durchwurzelt ist. Die bisherige Praxis gibt mir recht, weil diese Methode heuer auf meinen Böden deutlich Mehrerträge erzielt hat. Genau deshalb hat eine Bauerngruppe gemeinsam mit mir das dreijährige EU-Projekt „SoSama“ ins Leben gerufen. Damit wollen wir genauere Zahlen hinsichtlich Wasserhaltefähigkeit, Erosion und Wirtschaftlichkeit erhalten, um sie für die Praxis verfügbar zu machen. Begleitet wird das Projekt von der Landwirtschaftskammer.“ (Schluss)
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