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Wien, 30. Juli 2026 (aiz.info)

Blockade der Straße von Hormus: Studie warnt vor Schwefel-Engpässen in Europa

Österreich indirekt betroffen

Die nun wieder aufflammende Blockade der Straße von Hormus setzt die Weltwirtschaft weiter unter Druck: Neben der Versorgung mit Öl und Gas selbst ist auch die Versorgung mit Schwefel – einem Nebenprodukt der Rohölraffination – massiv gefährdet, mit potenziell weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen, unter anderem für die Europäische Union und Österreich. Schwefel ist für die globale Industrie unerlässlich. Der Rohstoff wird vor allem zu Schwefelsäure verarbeitet – einer Schlüsselchemikalie für Düngemittel, Batterien, Farbstoffe, Pestizide, Metallverarbeitung und zahlreiche industrielle Produktionsprozesse. Eine neue Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Complexity Science Hub (CSH) warnt vor einem potenziellen „systemischen Schwefel-Schock“ für Europas Industrie infolge einer länger andauernden Blockade der Straße von Hormus. Zwar sind Europa und Österreich nur begrenzt direkt von Schwefel-Importen aus der Golfregion abhängig, doch über globale Liefernetzwerke entsteht ein weit größeres Risiko. 

„Die größte Gefahr liegt nicht in direkten Schwefelimporten, sondern in den indirekten Abhängigkeiten entlang globaler Lieferketten. Solange die Krise kurzfristig bleibt, können Unternehmen Ausfälle teilweise über Lagerbestände oder alternative Lieferanten abfedern. Dauert die Störung jedoch noch mehrere Monate an, werden systemische Auswirkungen auf Industrieproduktion, Chemie, Landwirtschaft und zahlreiche weitere Sektoren immer wahrscheinlicher. Unternehmen sollten daher ihre Lieferketten dringend auf potenzielle Abhängigkeiten prüfen und Vorsorgemaßnahmen entwickeln“, erklärt Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek.

Fast die Hälfte der globalen Schwefel-Exporte stammt aus der Golfregion

Laut Studie stammen rund 47 Prozent der weltweiten Schwefel-Exporte aus den Staaten rund um den Arabischen Golf, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate (17 %), Katar (14 %) und Saudi-Arabien (8 %). Die EU importiert jährlich schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von rund 49 Milliarden US-Dollar – vor allem Aluminium, Kupfer, organische Chemikalien sowie Pestizide und Herbizide. Die Studie zeigt, dass Europas direkte Abhängigkeit von Schwefelimporten aus der Golfregion derzeit vergleichsweise gering ist. Unraffinierten Schwefel bezieht die EU vor allem aus Großbritannien (23 % der Importe), Kasachstan (18 %) sowie Serbien und der Türkei (jeweils rund 12 %), während rund 26 Prozent des Bedarfs durch eigene Produktion gedeckt werden. Auch bei Schwefelsäure deckt die EU rund 87 Prozent ihres Bedarfs selbst ab; wichtigste Importpartner sind Taiwan (42 %), Großbritannien (19 %) und Norwegen (16 %).

Indirekte Abhängigkeiten – insbesondere über China – bergen eigentliche Gefahr

Deutlich kritischer sind laut Studie jedoch die indirekten Abhängigkeiten über internationale Lieferketten: Viele Länder, von denen Europa wichtige Industrieprodukte importiert, sind selbst stark auf Schwefel aus der Golfregion angewiesen. Während die EU 2023 direkt nur Schwefel und Schwefelsäure im Wert von rund 3 Millionen US-Dollar aus den Golfstaaten importierte, ist Europas tatsächliche Abhängigkeit über internationale Lieferketten etwa dreimal so hoch. Besonders kritisch sind laut ASCII die indirekten Abhängigkeiten über China. Das Land importiert 54 Prozent seines Schwefels aus der Golfregion und exportiert wiederum schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von 4,6 Milliarden US-Dollar in die EU. Das entspricht 9,4 Prozent der EU-Importe in diesen Produktgruppen. In mehreren Industriebereichen ist Europas Importabhängigkeit von China besonders hoch. So stammen 43 Prozent der EU-Importe bei Papier und Zellstoff aus China, 26 Prozent bei Farbstoffen und Pigmenten sowie 25 Prozent bei Pestiziden und Herbiziden.

„China wird in einer länger andauernden Krise zum zentralen Verstärker globaler Lieferkettenrisiken. Viele Unternehmen können kurzfristige Ausfälle noch über Lagerbestände oder alternative Lieferanten abfedern – doch oft reichen die Reserven nur für ein bis zwei Monate“, sagt Stefan Thurner, Präsident des Complexity Science Hub. 

Exportverbot Chinas für Schwefelsäure wird zum Risikofaktor

Zusätzliche Risiken entstehen durch das seit Anfang Mai 2026 geltende chinesische Exportverbot für Schwefelsäure. Im Juni fielen die chinesischen Schwefelsäureexporte um 99 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Dadurch geraten weitere globale Lieferketten unter Druck – insbesondere über Drittstaaten wie Indien, Marokko, Chile, Malaysia, Vietnam und Indonesien. Insgesamt identifiziert die Studie zusätzliche indirekte Risiken für die EU im Umfang von rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Besonders kritisch sei Indien: Rund 72 Prozent der indischen Schwefelimporte stammen aus der Golfregion. Gleichzeitig importiert die EU schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von rund 2,9 Milliarden US-Dollar aus Indien. 

Indirekte Lieferkettenrisiken könnten Österreichs Industrie treffen

Auch Österreich ist von den globalen Schwefel-Abhängigkeiten vor allem indirekt betroffen. Laut Studie importiert Österreich jährlich schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von rund 930 Millionen US-Dollar. Davon entfallen etwa 85 Millionen US-Dollar auf China. Die Analyse zeigt zwar kein besonders hohes Risiko für Österreich, jedoch könnten längerfristige Störungen entlang globaler Lieferketten erhebliche Auswirkungen auf industrielle Produktionsprozesse, Rohstoffpreise und zentrale Vorleistungen in Österreich haben. Betroffen wären insbesondere Industrien mit hoher Abhängigkeit von Chemikalien, Metallen und Vorprodukten aus internationalen Wertschöpfungsketten.

„Selbst wenn es in der Industrie nicht unmittelbar zu akuten Versorgungsengpässen kommt, führen diese Risiken zu Kostenzuschlägen. Das bringt österreichische, deutsche und europäische Produzenten weiter unter Druck und verschärft den Verteilungswettbewerb unter den Industrien”, erklärt Peter Klimek, Direktor des ASCII. 

Strategische Vorsorge wird entscheidend

Sollte die Hormus-Blockade länger andauern, drohen globale Produktionsengpässe, steigende Preise und systemische Störungen entlang zahlreicher Wertschöpfungsketten. Selbst nach einer möglichen Öffnung der Straße von Hormus könnten steigende Versicherungs- und Transportkosten die Schwefelpreise laut Studie um 10 bis 40 Prozent erhöhen. Die Studienautoren empfehlen Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern daher, kritische Schwefel-Abhängigkeiten entlang ihrer Lieferketten rasch zu identifizieren und strategische Vorsorgemaßnahmen zu prüfen. Dazu zählen die stärkere Diversifizierung von Lieferketten sowie ein systematisches Monitoring von China und Indien als zentrale Frühwarnindikatoren. 

Über die Studie

Die Studie „EU Sulphur Supply Exposure: Risk from Strait of Hormuz Closure Aggravated by Indirect Dependencies through China and India“ analysiert globale Schwefel- und Schwefelsäure-Lieferketten sowie indirekte Abhängigkeiten entlang internationaler Wertschöpfungsnetzwerke. Grundlage der Untersuchung sind internationale Handelsdatenbanken wie BACI und Eurostat/COMEXT & PRODCOM. Link zur Studie: EU Sulphur Supply Exposure (Schluss)
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