Zum Content springen
Neue Suche

Absender

Empfänger

Wien, 22. Juni 2026 (aiz.info)

BOKU-Forscher warnt: Dürre wird zur zentralen Naturgefahr in Österreich

Nach einem trockenen Frühjahr trifft Österreich nun eine frühe Hitzewelle und verschärft die Risiken entlang des Wasserkreislaufs.

Während Hochwasser lange Zeit als die bedeutendste hydrologische Naturgefahr galt, entwickelt sich Dürre zunehmend zu einer ebenso gravierenden Herausforderung. Anders als Hochwasser entsteht Dürre schleichend, bleibt oft lange unbemerkt und betrifft den gesamten Wasserkreislauf – mit Folgen für Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Ökosysteme, Wirtschaft und Gesellschaft. Das macht das Dürremanagement deutlich komplexer. „Wir brauchen dringend eine längerfristige Planung, um mit Dürre umzugehen“, betont Gregor Laaha, Umweltstatistiker und Hydrologe an der BOKU University.

Aktuelle Daten internationaler meteorologischer Dürremonitore zeigen erhebliche Wasserdefizite in weiten Teilen Europas. Auch Österreich erlebt derzeit eine ausgeprägte Frühjahrstrockenheit. Die Monatsauswertungen des Hydrographischen Zentralbüros belegen an zahlreichen Messstellen außergewöhnlich niedrige Wasserstände für diese Jahreszeit. Bereits seit einigen Wochen zeigen sich Auswirkungen in der Landwirtschaft.

„Wenn wir nur auf Niederschlag und Bodenfeuchte schauen, sehen wir derzeit vor allem die landwirtschaftliche Dürre“, erklärt Laaha. Noch seien die unmittelbaren Folgen begrenzt, obwohl nun eine Hitzewelle herrscht. Sollte sich die Trockenheit jedoch fortsetzen, könnten im Sommer ökologische Belastungen und gesundheitliche Risiken deutlich zunehmen.

Dürre pflanzt sich durch den gesamten Wasserkreislauf fort

Die hydrologischen Auswirkungen von Dürre zeigen sich oft zeitverzögert. Normalerweise speisen Winterniederschläge das Grundwasser und sichern die Wasserversorgung für die kommenden Monate. Doch unter den aktuellen Bedingungen bleibt diese Erholung zunehmend aus.

„Wir befinden uns in einer Situation, in der unter normalen Bedingungen keine ausreichende Grundwasserneubildung mehr stattfindet“, sagt Laaha. Selbst regelmäßige Sommerniederschläge könnten daran wenig ändern, da ein Großteil des Wassers aufgrund der hohen Verdunstung nicht mehr in tiefere Bodenschichten gelangt. Die steigende Verdunstung sei dabei der am deutlichsten messbare Treiber der Veränderungen im Wasserhaushalt.

Inzwischen sind auch Flüsse und Grundwasserkörper deutlich betroffen. Daten der elektronischen hydrographischen Dienstplattform des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft zeigen derzeit in weiten Teilen des österreichischen Flachlands Niedrigwasserverhältnisse – ein für das Frühjahr ungewöhnliches Bild. Ähnliche Entwicklungen werden beim Grundwasser beobachtet.

„Die Dürre ist in Österreich angekommen und hat sich bereits durch den gesamten Wasserkreislauf fortgepflanzt“, so Laaha.

Von der Krisenreaktion zum Dürremanagement

Für die Landwirtschaft bestehen vor allem zwei Anpassungsstrategien: Bewässerung oder eine grundlegende Umstellung von Bewirtschaftungsformen und Kulturen. Derzeit werde vielfach auf Bewässerung gesetzt. Diese könne jedoch nur in begrenztem Umfang eine Lösung darstellen. „Wer Grundwasser entnimmt und zur Bewässerung einsetzt, erhöht letztlich auch die Verdunstung. Langfristig müssen wir stärker über Umstellungen nachdenken“, erklärt Laaha.

Der BOKU-Forscher plädiert deshalb für einen umfassenden Dürremanagementplan für Österreich. Dieser sollte den gesamten Wasserkreislauf berücksichtigen und gemeinsam mit Behörden, Wasserversorgern, Landwirtschaft und Wirtschaft entwickelt werden.

Ein solcher Dürremanagementplan sollte auf drei Säulen beruhen:
•    Flächendeckendes Monitoring, das Wasserdefizite im gesamten Wasserkreislauf in (nahezu) Echtzeit erfasst,
•    sektorspezifische Schwellenwerte, die anzeigen, ab wann kritische Einschränkungen für einzelne Bereiche wie Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung oder Schifffahrt entstehen,
•    sowie ein Vorhersagesystem, das zwei Wochen bis mehrere Monate in die Zukunft blickt und frühzeitig vor drohenden Engpässen warnt.

Die BOKU University verfügt über langjährige Expertise in den Bereichen Hydrologie, Umweltstatistik und Wasserressourcenmanagement. Aktuell arbeiten Forschende an einem Pilotkonzept für ein integriertes Dürre-Monitoring. Erste Ergebnisse zeigen bereits eine Verschärfung der Niederwassersituation: „Vor allem in Nord- und Südostösterreich haben die Niederwasserabflüsse in den letzten rund 40 Jahren um über 20 Prozent abgenommen. Es ist zu erwarten, dass sich diese Trends bei weiter steigenden Temperaturen verschärfen“, betont Laaha. Diese Entwicklungen werden derzeit gemeinsam mit der TU Wien weiter untersucht und quantifiziert.

„Es ist höchst an der Zeit, diese komplexen Herausforderungen anzugehen“, betont Gregor Laaha abschließend. „Auch im wasserreichen Österreich, das sich gerne als Wasserschloss Europas versteht, wird Dürre zunehmend zu einer hydrologischen Gefahr. Wir brauchen Dürrepläne, um dieser Entwicklung auf Ebene des gesamten Wasserkreislaufs wirksam begegnen zu können.“ (Schluss)

5.464 Anschläge
  • Empfehlen
  • Drucken
  • PDF downloaden
  • RTF downloaden