Sie sind noch nicht eingeloggt:
09.11.2018

Wundersame Maisvermehrung in China lässt Märkte mit Achseln zucken

Vor WASDE-Bericht entdeckt Chinas Statistik 170 Mio. t mehr Maisernten seit 2015

Wien, 9. November 2018 (aiz.info). - Auf ansonsten nach wie vor ereignislosen internationalen Getreidemärkten sorgte dieser Tage - just kurz vor Erscheinen des monatlichen WASDE-Berichts des US-Landwirtschaftsministeriums zu den weltweiten Versorgungsbilanzen - eine "wundersame Maisvermehrung" in China für Kopfschütteln und Achselzucken. Unter Herausrechnung Chinas, dessen Produktion und Handel mit Ausnahme des Sojakomplexes nicht als relevant für die Weltmärkte und deren Preisbildung angesehen wird, stellt das US-Agrarressort (USDA) die globalen Weizen- und Maisbilanzen mit einem Abbau der Lagerbestände nahezu unverändert und insbesondere bei den marktrelevanten Exporteuren als knapp dar. Die internationalen Terminbörsen zeigten sich daher von dem durch China über Nacht über den Haufen geworfenen bisherigen Bilanzbild der weltweiten Getreideversorgung kaum beeindruckt. Im Gegenteil, stützend wirkten sogar reduzierte Ernteprognosen für Mais und Sojabohnen in den USA. An der Euronext in Paris verharrte der Dezember-Mahlweizenkontrakt die letzten Tage weiterhin in seiner seit Wochen anhaltenden Seitwärtsbewegung um 200 Euro/t. In Österreich übt sich der Kassamarkt angesichts der Orientierungslosigkeit der internationalen Märkte bei ebenfalls nur geringen Preisbewegungen nach wie vor in Unlust.

China entdeckt über Nacht Maismengen im Ausmaß von mehr als 87 österreichischen Ernten

Das China National Grains and Oils Information Center (CNGOIC) revidierte diese Woche auf Basis des jüngsten, alle zehn Jahre vorgenommenen chinesischen Agrarzensus die Maisernten des Reichs der Mitte für den Zeitraum 2015 bis 2018 gegenüber den bisherigen offiziellen Statistiken um 170 Mio. t nach oben. Das entspricht mehr als 87 österreichischen Maisernten von jährlich durchschnittlich 1,95 Mio. t. Allein Chinas aktuelle Maisernte 2018 hebt das USDA binnen Monatsfrist von 225 auf 256 Mio. t an. Es seien schlicht 7 Mio. ha Maisanbauflächen nicht in die Statistiken eingegangen - dies sind 83% der österreichischen Staatsfläche oder das 5,3-Fache der heimischen Ackerfläche.

Originelle Terminwahl Chinas vor dem Hintergrund des Handelskonflikts mit den USA

Marktexperten bescheinigen den Chinesen eine "originelle Terminwahl" für die Revision ihrer Statistiken auch vor dem Hintergrund ihres Handelskonflikts mit den USA. Denn, so ein Marktteilnehmer, ein ehrgeiziges Ethanolprogramm der Pekinger Regierung habe zuletzt auch in den USA Hoffnung aufkommen lassen, China werde dafür Mais vom Weltmarkt importieren müssen. Und US-Präsident Donald Trump zu signalisieren, man schwimme ohnehin in Futtermitteln, könne die Position Pekings im Handelsstreit mit Washington auch nur stärken.

WASDE verdoppelt globale Maislagerprognose - ohne China enge Mais- und Weizenbilanzen

Mit dieser Überraschung aus China verdoppelte das USDA praktisch seine Prognose für die weltweiten Maisendlager 2018/19 gegenüber dem Oktober-Bericht auf 307,51 Mio. t. Diese Maisendlager seien, so Agenturberichte, aber immer noch um 12% geringer als der Höchststand von 2016/17 und, rechnet man China heraus, schmelzen die Maisreserven 2018/19 gegenüber vor zwei Jahren sogar um 21% ab. Damit erreiche der Anteil der Endlager am Verbrauch ohne China sehr enge 9,9% nach 12,2% in der vorigen Saison.

Ähnlich trägt die Revision der chinesischen Statistiken dazu bei, dass das USDA seine Schätzung des globalen Weizenangebots im Monatsabstand um 6,7 Mio. t anhebt, wobei es betont, ohne diese wäre ein um 1,9 Mio. t kleineres Weizenangebot als in der Oktober-Rechnung herausgekommen. Ohne die Zahlen aus China, so der Bericht in seiner Zusammenfassung, sinke die Annahme der weltweiten Weizenendlager 2018/19 zum Vormonat um 0,9 Mio. t, wobei die Reserven um 12,29 Mio. t abschmelzen. Daraus resultiere laut Agenturen bei den wichtigsten Weizenexport-Nationen eine ratio von stock to use von 13,6%, auf dem zweitniedrigsten Wert seit 1960/61. Der Anteil vom Endlager am Verbrauch bei Gerste liege demnach bei 13,1% nur wenig über dem Rekord-Tief von 2007/08.

Das USDA bestätigt jüngste Meldungen von einer Weizenmissernte in Australien und senkt die Prognose um 1 Mio. t auf 17,5 Mio. t (2017/18: 21,3 Mio. t, 2016/17: 31,8 Mio. t). Ebenso verlautete kürzlich aus den USA, Frost und starke Regenfälle ließen befürchten, dass die Farmer mit ihrer Winterweizensaat nicht im geplanten Ausmaß in die Böden kommen könnten. Weiters ist von Mykotoxin-Problemen aus der verregneten Maisernte die Rede.

Russland bestimmt Exporttempo - Hoffen in EU und USA auf Ausgehen der Luft

Das Geschehen am weltweiten Weizenmarkt diktiert weiterhin Russland. Es exportiert aus der aktuell vom Moskauer Landwirtschaftsministerium mit 69,3 Mio. t und um 18% zum Vorjahr (85 Mio. t) kleiner bezifferten Weizenernte nach wie vor, als hätte es einen Rekordertrag eingefahren. Dabei gaben die russischen Exportpreise zuletzt neuerlich nach und man ist mit Abstand am billigsten. Bei einem Wechselkurs von 1,1487 US-Dollar zum Euro errechnete die EU-Kommission zum Stichtag 7. November auf fob-Basis Preise für Soft Red Winter aus den USA von 219 USD/t (+6 USD zur Vorwoche), für Mahlweizen aus der EU von 235 USD/t (+7 USD zur Vorwoche) und für russischen von 227 USD/t (-1 USD zur Vorwoche).

Daher bleibt der Weizenexport sowohl aus den USA als auch aus der EU - hier auch trotz des schwächeren Euros - anhaltend schleppend. Die EU-Kommission berichtet in den 19 Wochen des Wirtschaftsjahres bis 5. November von 5,398 Mio. t Weichweizenausfuhren in Drittländer. Das sind 24% weniger als im Vergleichszeitraum 2017/18. In der jüngsten Berichtswoche belief sich der Weizenexport auf 183.685 t (Vergleichswoche 2017/18: 316.811 t).

Wenn auch die schwache Ernte des heurigen Sommers 2018/19 für die EU nur kleinere Weizen-Exportmengen als aus der Ernte 2017 zulassen wird, hoffen sowohl Europäer als auch Amerikaner darauf, dass Russland nach dem Jahreswechsel bei den Weizenlieferungen die Luft ausgehen könnte und ihre Geschäfte damit an Schwung gewinnen sollten. Dies könnte auch das in den engen Versorgungsbilanzen schlummernde Preispotenzial in der zweiten Saisonhälfte doch noch wecken.

Wenig Bewegung auf österreichischem Kassamarkt

Am heimischen Kassamarkt tut sich weiterhin wenig. Insbesondere Abwärtsbewegungen der Terminbörsen lösen bei den Abnehmern unmittelbar Kaufzurückhaltung aus, denn es könnte ja noch billiger werden. Aber auch die Anbieter von Ware halten sich in der gegenteiligen Erwartung bedeckt. "In den Fundamentaldaten steckt zwar Potenzial für einen Aufschwung, aber es kommt noch nicht zu Tage", so ein Marktteilnehmer.

Vorige Woche sah es an der Wiener Produktenbörse so aus, als könnte die obere Notierung von Premiumweizen mit der Überwindung der 200-Euro-Schwelle eine Art Reports lukrieren, doch ging dieser Gewinn am Mittwoch dieser Woche bei der Notierungssitzung wieder verloren. Bei den Notierungen von Mahl- und Qualitätsweizen aus dem EU-Raum zeigt sich kaum eine Preisdifferenzierung zwischen den Qualitätsstufen.

Obwohl sich inländischer Mais in den vergangenen 14 Tagen etwas befestigen konnte, bleiben Maiseinfuhren aus dem Osten inklusive Frachtkosten mit 162 bis 163 Euro/t noch immer spürbar darüber. Während das heimische Angebot zu aktuellen Preisen noch hinter dem Berg hält, ist die Industrie, die noch mit der Verarbeitung von Nassmais beschäftigt ist, offenbar bereit, für die Folgeversorgung die zurzeit sehr hohen Frachtkosten für Mais osteuropäischer Herkunft in Kauf zu nehmen. Eine normale Schiffbarkeit der Donau bleibt unabsehbar, LKWs und Eisenbahnwaggons sind Mangel. Der Futtergetreidemarkt hält hingegen seine feste Stimmung. (Schluss) pos Börse für Landwirtschaftliche Produkte in Wien