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22.01.2021

Wintertagung 2021: Sicherung der Lebensmittelversorgung hat Vorrang

Experten: Lehren der Corona-Krise in GAP einbringen

Wien, 22. Jänner 2021 (aiz.info). - Am heutigen Fachtag Gemüse-, Obst- und Gartenbau diskutierte das Ökosoziale Forum im Rahmen der Wintertagung 2021 die Sicherheit und Stabilität unseres Ernährungssystems. Durch die aktuelle COVID-Krise, aber auch durch den Klimawandel würden bisher noch kaum beachtete Anfälligkeiten entlang unserer Lebensmittel-Wertschöpfungskette offensichtlich, wie zum Beispiel Abhängigkeiten in der Nahrungsmittelversorgung und mögliche Versorgungsengpässe, warnten die Experten. Insgesamt waren heute rund 550 Teilnehmer via Livestream dabei, die mit den Referenten Lehren aus den Krisen sowie mögliche Lösungen und Chancen erörterten. Dazu zählen etwa eine stärkere gemeinsame Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette und eine entsprechende Vorbereitung auf künftige globale Entwicklungen.

Pernkopf: Wollen in Europa produzieren und Importe vermeiden

Der Präsident des Ökosozialen Forums, Stephan Pernkopf, formulierte eingangs einen Leitgedanken für die anschließenden Vorträge und die Diskussion: "Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt, müssen aber dafür sorgen, dass es in Europa künftig nicht weniger, sondern mehr Produktion gibt, da die Weltbevölkerung wächst. Ich bin daher nicht dafür, dass der Green Deal und seine Strategien ein Generalangriff auf die Landwirtschaft sind, bei dem am Schluss weniger Produktion rauskommt. Dann gibt es zwar Blühstreifen von Spanien bis Lettland, aber auch mehr Kondensstreifen, weil die Produkte aus anderen Ländern eingeflogen werden. Das wollen wir nicht. Wir wollen eine starke Eigenversorgung in Europa auf Basis einer nachhaltigen Intensivierung. Das heißt: Lebensmittel werden in Europa unter höchsten Standards und Auflagen regional produziert. Es ist besser, eine Selbstversorgung aus einer nachhaltigen heimischen Landwirtschaft sicherzustellen, als von anderen Kontinenten Produkte mit fragwürdigen Umwelt- und Sozialstandards zu importieren."

Reiner: Müssen internationale Entwicklungen antizipieren und Ableitungen treffen

In seinem Vortrag zum Thema "Wovor sollen wir uns fürchten und wovor nicht?" beleuchtete Stephan Reiner, Oberst und Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie, internationale Abhängigkeiten und den volatilen Weltmarkt sowie seine Auswirkungen auf die globale Lebensmittelversorgung. "China ist mittlerweile eine der größten globalen Mächte, die jeden Tag Auswirkungen auf Europa hat. Wenn sie etwa den Verlauf der Seidenstraße mit aktuellen Krisenregionen hinterlegen, dann ist zu sehen, dass die europäischen Staaten und jene des Nahen Ostens ursächlich davon betroffen sind. China ist zudem kein agrarisch strukturiertes Land mehr. Mehr als die Hälfte der 1,3 Mrd. Menschen in der Volksrepublik lebt mittlerweile in Städten, und der Schweinefleischkonsum hat sich in den letzten zehn Jahren verachtfacht. Das hat Auswirkungen auf den Sojapreis und damit letztendlich auch auf Österreich und seine Lebensmittelversorgung", gab Reiner zu bedenken.

"Ein Kleinstaat benötigt Resilienz. Das heißt, eine wirtschaftliche Verschränkung, wie wir sie heute vorfinden und wie sie unsere Wirtschaft betrifft, benötigt natürlich eine Kooperation. Das bedeutet aber auch, dass die 'Just in time-Wirtschaft' mit einer Lagerung am Lkw zur sofortigen Verfügbarkeit zum erwünschten Zeitpunkt besonders anfällig für Krisen ist. Hinzu kommt: Färbt man auf einer Weltkarte Länder mit Konflikten, Unruhen und bewaffneten Konflikten rot ein, dann sind viele Länder um Österreich rot. Aber Furcht ist trotzdem nicht angebracht. Es reicht, Ableitungen zu treffen für klar erkennbare Entwicklungen auf diesem Planeten", so der Experte.

Fankhauser: Werden Lehren aus der Krise in GAP-Verhandlungen einbringen

Johannes Fankhauser, Leiter der Sektion II - Landwirtschaft und ländliche Entwicklung im BMLRT, sprach über die Lehren aus der Corona-Krise und betonte, dass der Agrarsektor systemrelevant und überlebensnotwendig sei. "Die Lebensmittel- und die Landwirtschaft haben in Österreich eine enorme Bedeutung. Entlang der Wertschöpfungskette sind rund 420.000 Arbeitnehmer tätig. Das sind rund 9% aller Erwerbstätigen in Österreich. Dieser Anteil ist je nach Region jedoch unterschiedlich und geht in einzelnen Regionen bis zu 15%. Das zeigt die enorme Bedeutung der Lebensmittelwirtschaft."

"Viele Essensgewohnheiten haben sich während des ersten Lockdowns radikal verändert. Umfragen zeigen, dass diese neuen Gewohnheiten auch nach der Krise bleiben. Die Direktvermarktung ist enorm gestiegen. Wir haben 2020 an Mengen und neuen Wegen in der Direktvermarktung ein Plus von 40% verzeichnet. Das zeigt, wie stark die Sehnsucht war, die heimische Lebensmittelwirtschaft zu unterstützen und zu wissen, wo das Produkt herkommt", so Fankhauser.

Gesicherte Lebensmittelversorgung ist keine Selbstverständlichkeit

"Während des ersten Lockdowns und der Corona-Krise war die Versorgung der heimischen Konsumenten mit Lebensmitteln zu keinem Zeitpunkt gefährdet, aber nur deshalb, weil es eine enorm gute Zusammenarbeit mit unseren Partnern gegeben hat. Österreich ist dadurch sehr gut durch die Krise gekommen. Die gesicherte Lebensmittelversorgung ist aber keine Selbstverständlichkeit. Das BMLRT hat daher eine Studie zu den Lehren aus der Corona-Krise mit Ergebnissen bis Frühsommer 2021 initiiert und wird diese auch in die Gemeinsame Agrarpolitik einarbeiten", kündigte Fankhauser an. Detaillierte Informationen zur Wintertagung 2021 sind unter www.oekosozial.at zu finden. (Schluss)