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21.01.2022

Russland-Ukraine-Konflikt und Wetter machen Getreidemärkte nervös

Weltweite Weizenernten können Bedarf nicht decken

Wien, 21. Jänner 2022 (aiz.info). - Wettermärkte und Ernteergebnisse auf der Südhalbkugel sowie zuletzt der Konflikt zwischen den beiden wichtigen Getreideexporteuren Russland und Ukraine ließen die Kurse von Weizen, Mais und Ölsaaten über den Jahreswechsel zunächst einmal nachgeben und dann wieder ansteigen. Insgesamt verhalten sich die Märkte ziemlich nervös. Das US-Landwirtschaftsministerium und der Internationale Getreiderat hoben ihre Endlagerschätzungen für Weizen zum Ende der Saison 2021/22 etwas an und senkten sie für Sojabohnen deutlich. Die Notierungen an der Euronext in Paris liegen aktuell unter ihren Höchstständen vor dem Jahreswechsel. Die internationalen Trends und die Nervosität machten sich zuletzt auch in Österreich bemerkbar. Einerseits sei das Angebot stimuliert worden und andererseits hätten sich die Preisvorstellungen insbesondere für Brotweizenlieferungen aus dem EU-Ausland diesem Trend angepasst.

Mahlweizen der Ernte 2021 zur Lieferung im März notierte an der Euronext am Freitagmittag bei 271,25 Euro/t und solcher der Ernte 2022 mit Liefertermin Dezember bei 250,25 Euro/t. Der Märzkontrakt von Mais hielt bei 247,50 Euro/t und der Februar-Rapskontrakt bei 756,50 Euro/t - nachdem er im alten Jahr schon deutlich über 800 Euro/t erreicht hatte. Die Exportnachfrage nach europäischem Weizen hält an, wenngleich der bisher größte Exporteur der EU, Frankreich, aufgrund von Qualitätsproblemen der Ernte 2021 angestammte Mahlweizenmärkte verloren, dafür aber neue Futterweizenmärkte wie China erobert hat. Russland bremst weiterhin seine Weizenexporte mit Exportabgaben und einer ab Mitte Februar bis Ende Juni geltenden Quote. Moskau senkte die Exportsteuer jüngst leicht auf 97,50 USD/t (85,99 Euro).

Am Kursblatt der Wiener Produktenbörse schienen am Mittwoch dieser Woche vor allem Weizenlieferungen aus dem EU-Raum auf- zwar mit 14% Proteingehalt aber schwächeren Hektolitergewichten als in der heimischen Qualitätsweizenklassifizierung. Ähnliches traf auf Roggeneinfuhren zu, wobei die Versorgung aus heimischer Erzeugung als sehr knapp gilt. Inländischer Qualitäts- und Mahlweizen notierten dann auch mit durchschnittlich 361 beziehungsweise 313,50 Euro/t schwächer als zuletzt vor Weihnachten.

Erste Qualitätsweizennotierungen der Ernte 2022 an Wiener Produktenbörse

Einen Vorgeschmack auf die kommende Ernte 2022 lieferten erste Abschlüsse über inländischen Qualitätsweizen. Dieser wurde ab Station im Raum Wien mit 260 bis 263 Euro/t notiert und weise damit einen im langjährigen Schnitt ausgeprägten positiven Preisabstand zu den zum jeweiligen Zeitpunkt korrespondierenden Euronext-Notierungen neuer Ernte auf.

Maisnachfrage aus Ungarn und gesuchte Ölsaaten

Noch immer gebremst und auf lediglich frachtgünstig gelegene Standorte beschränkt laufe das Maisgeschäft im Inland, wohingegen die international abgeschwächten Preise das überregionale Geschehen beschleunigt hätten. Zu Jahresbeginn wurde mit Interesse registriert, dass wegen offensichtlicher Mykotoxinbelastung serbischer und ungarischer Ware Verarbeiter aus dem östlichen Nachbarland Ungarn jüngst sogar Mais in Österreich eingekauft hätten.

Die Preise von Ölsaaten und von deren Nachprodukten seien auch hierzulande durch die Decke geschossen, wobei insbesondere Händler mit offenen Lieferverpflichtungen Einkaufspreise weit über den aktuellen Quotierungen der Ölmühlen bieten würden. Dennoch bleibe das schon als knapp geschätzte inländische Ölsaatenangebot weiterhin verhalten.

Weltweite Weizenernten können Bedarf nicht decken

Das US-Landwirtschaftsministerium USDA schätzt in seinem ersten Bericht des Jahres 2022 zu den globalen Getreide-Versorgungsbilanzen die Endlager von Mais und vor allem von Sojabohnen am Ende der laufenden Saison 2021/22 kleiner als im Dezember-Report und die von Weizen größer - allerdings sinken sie immer noch auf den niedrigsten Stand seit 2016/17. Das heißt, die weltweite Weizenernte 2021/22 von 778,60 Mio. t verfehlt den Bedarf von 787,47 Mio. t um 8,87 Mio. t. Die Märkte reagierten jedoch vor allem auf den gegenüber dem Vormonat um 2,59 Mio. t geringer angenommenen Lagerabbau auf 279,95 Mio. t und die um 0,81 Mio. t auf nur gut 6% dieses weltweiten Lagerstandes angehobene Prognose der Weizenreserven in den USA. Zudem liegt - offensichtlich aufgrund der attraktiven Preise - die gleichzeitig veröffentlichte Schätzung des Winterweizenbaus der US-Farmer über den Erwartungen. Wegen nach unten revidierter Ernteschätzungen vor allem in Südamerika sollen entgegen den letzten Prognosen vom Dezember die Sojabohnenreserven schrumpfen anstatt anwachsen und sich auch die Maislager nach dem Abbau in den vergangenen Jahren weniger stark erholen.

Im Getreidemarktbericht vom Jänner nimmt der Internationale Getreiderat IGC gegenüber dem November-Report die gesamte Getreideproduktion der Welt (Weizen, Futtergetreide und Mais) eine Spur zurück, wobei eine - vor allem für Argentinien und Australien - nach oben gesetzte Schätzung der Weizenproduktion von einer nach unten gesetzten für Mais - vor allem in Südamerika - und Futtergetreide nahezu ausgeglichen wird. Die Produktion von Weizen und Mais erreicht neue Rekordwerte und ebenso der Verbrauch, obwohl der Rat die Prognosen für Verfütterung und industrielle Verwertung gegenüber dem Vorbericht zurücknimmt. Die Getreidevorräte der Welt schmelzen um einen Deut, was den fünften Bestandsabbau in Folge bedeutet.

Der gesamte Getreide- und Ölsaatenpreis-Index des IGC (GOI) stieg seit November um 2,5% (+8,0% zum Vorjahr), wobei wegen der Trockenheit in Südamerika die Subindices von Mais um 3,9% (+7,5% zum Vorjahr) und Sojabohnen um 8,9% (+1,9%) sowie als Folge der üppigen Ernten Argentiniens und Australiens der von Weizen um 6,3% (+25,9% zum Vorjahr) nahe einem Dreimonats-Tief einknickten.

Erste Vorschauen auf Ernten 2022/23

In einer noch vagen Vorschau auf die globale Weizenbilanz 2022/23 spricht der Rat von Steigerungen der Produktion und des Verbrauchs auf neuerliche Allzeit-Hochs. Die Endlager würden sich kaum ändern, wobei die Reserven der wichtigen Exporteure unter dem Durchschnitt verbleiben sollten. Insgesamt zeichnen sich laut verschiedenen Schätzungen für die Saison 2022/23 ähnliche Weizenbilanzen wie im laufenden Jahr ab, wobei Verbrauchszuwächse den aufgrund attraktiver Preise ausgedehnten Anbau überflügeln könnten - nicht zuletzt auch, weil Düngemittel teurer und knapp sind und dies die Erträge schmälern dürfte. (Schluss) pos