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24.05.2022

OÖ: Milch- und Rinderwirtschaft stehen vor enormen Herausforderungen

Waldenberger: Wird Milch ins Ausland geliefert, fließt wichtige Wertschöpfung ab

Linz, 24. Mai 2022 (aiz.info). - "Wie die gesamte Landwirtschaft ist auch die Milchwirtschaft von den Unsicherheiten und massiven Kostensteigerungen bedingt durch den Ukraine-Krieg enorm betroffen. Die Verteuerung der Energiekosten in den vergangenen Monaten trifft die Landwirte vor allem bei der Fütterung der Tiere massiv, denn die Preise für Getreide und Eiweißschrot haben sich um etwa 50% erhöht. Vor diesem Hintergrund sind die Erhöhungen der Auszahlungspreise für Milch besonders wichtig. Für die Landwirtschaftskammer (LK) OÖ steht außerdem fest: Die Milchanlieferung an heimische Molkereien sichert Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Land. Wird diese Milch ins Ausland geliefert, fließt wichtige Wertschöpfung ab", betont LK-Präsident Franz Waldenberger.

"Die heimischen Milchbäuerinnen und -bauern bekennen sich zum eingeschlagenen Qualitätsweg, dieser ist richtig und wichtig. Die verschiedenen Milchsorten tragen über die Zuschläge dazu bei, bäuerliche Strukturen und Betriebe zu erhalten. Die Differenzierung und das Einhalten von Auflagen brauchen aber unbedingt die Honorierung über den Produktpreis, denn sonst wird der Strukturwandel gerade in der Milchwirtschaft weiter voranschreiten", gibt Waldenberger zu bedenken.

Im Mai konnten die Auszahlungspreise der Molkereien ein weiteres Mal ein Plus verbuchen. Das Niveau liegt damit für GVO-freie Qualitätsmilch zwischen 44 und 50 Cent netto. Bio-Milch erhält Zuschläge zwischen 10 und 13 Cent, Heumilch von 5 bis 6 Cent, Bio-Heumilch von rund 15 Cent. 
 
In Oberösterreich wird von zwölf Verarbeitungsunternehmen Milch übernommen. Rund ein Fünftel der Rohmilch wird von fünf Abnehmern aus Deutschland gekauft. "Der Treiber der Strukturentwicklung liegt vor allem darin, dass sich die Deckungsbeiträge im Trend eher seitwärts bewegen. Um die steigenden Lebenserhaltungskosten abdecken zu können ist daher eine betriebliche Entwicklung notwendig. Die Entscheidung hängt dabei mit dem Generationswechsel auf den Betrieben zusammen. Dabei spielt in den letzten Jahren die Technisierung eine immer entscheidendere Rolle",
erläutert Kammerdirektor Karl Dietachmair. 

Fütterung ist ein großer Kostenfaktor

Die Fütterung der Rinder ist einer der größten Kostenblöcke in der Milcherzeugung. "Wie sich Preise und Verfügbarkeit der Futtermittel in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln werden, ist unklar. Es ist allerdings bei den Preisen eher nicht von einer sinkenden Tendenz auszugehen. Die Kostensteigerungen sind abhängig von der jeweiligen Erzeugungsart der Milch, der Rationszusammensetzung und dem jeweiligen Betrieb selbst. Auch die Molkereien haben mit massiven Kostensteigerungen bei Energie, Verpackungsmaterial und Logistik zu kämpfen. Das bedeutet in weiterer Folge auch eine notwendige Erhöhung der Verkaufs- beziehungsweise Regalpreise. Wir erwarten uns vom Handel, dass von den höheren Preisen auch ein größerer Anteil an die Lieferanten weitergegeben wird", appelliert Waldenberger für Solidarität innerhalb der Wertschöpfungskette. Die heimischen Milcherzeugerpreise haben noch nicht das Niveau europäischer Notierungen erreicht.

Milchprodukte für Konsumenten weiterhin leistbar

Zahlen der Statistik Austria zeigen, dass Milchprodukte für die Konsumenten nach wie vor leistbar sind: "Auch wenn der Index für die Preisentwicklung von Molkereiprodukten zuletzt anstieg, ist festzuhalten, dass die Steigerung deutlich unter dem Gesamtindex liegt. Milchprodukte machen darüber hinaus lediglich einen Anteil von 1,5% am VPI-Warenkorb aus", stellt der LK-Präsident fest.

"Der Milchmarkt hat sich gerade in den vergangenen Wochen und Monaten stark verändert. Unsere Molkereigenossenschaften haben sich laufend weiterentwickelt und viel Geld für ihre Mitglieder investiert", unterstreicht Waldenberger. Den Milcherzeugern müsse bewusst sein, dass die Milchlieferung an ein heimisches Unternehmen auch Arbeitsplätze und Wertschöpfung für die Region und das Land bedeutet. "Es ist klar festzuhalten, dass mit einer Lieferung von oberösterreichischer Milch ins benachbarte Ausland Wertschöpfung abfließt", so der Präsident. Die Landwirte sollten nicht nur nach kurzfristigen Preisvergleichen entscheiden, sondern auch längerfristige Entwicklungen und Einflüsse auf das gesamte Umfeld berücksichtigen.

Konsumenten: Auf die Herkunft achten

Konsumenten können bei jedem Einkauf eine Entscheidung für heimische Lebensmittel und somit für unsere Bäuerinnen und Bauern treffen. Waldenberger sieht hier einen wesentlichen Hebel für den langfristigen Erhalt der Milchwirtschaft: "Der Griff zu heimischen Markenartikeln ist ein wichtiger Beitrag für die Aufrechterhaltung der heimischen Qualitätsmilcherzeugung. Bei Eigenmarken des Handels ist die heimische Herkunft gerade im niedrigen Preissegment oft nicht gegeben. Das AMA-Gütesiegel bietet bei der Auslobung heimischer Produkte einen entscheidenden Anhaltspunkt. Der Wunsch der Landwirtschaftskammer ist es, auch Importware entsprechend zu kennzeichnen", so der Präsident. Die Umsetzung der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung sei in diesem Zusammenhang eine wichtige Maßnahme. Gerade im Bereich der verarbeiteten Ware wie etwa in der Gastronomie brauche es aus Sicht der Bäuerinnen und Bauern noch weitere Maßnahmen.

Klimaschonende Landwirtschaft braucht Nutztiere

"Die öffentliche Diskussion diskriminiert Nutztiere oft als Nahrungskonkurrenten und Umweltbelaster, aber eine Landwirtschaft ohne Nutztiere wäre im Hinblick auf die Ernährungssicherung absolut verantwortungslos. Entscheidend ist die richtige Balance aus Tier- und Pflanzenproduktion im Gesamtsystem einer landwirtschaftlichen Kreislaufwirtschaft, die auf einer flächengebundenen beruht", stellt der Präsident klar.

Die notwendige Balance ergebe sich aus dem Umstand, dass der überwiegende Anteil der landwirtschaftlichen Biomasse für den Menschen nicht essbar ist. Darunter falle nicht nur die Biomasse vom Grünland. "Auch Ackerkulturen liefern erhebliche Mengen an nicht-essbarer Biomasse. Insgesamt fallen je kg veganem Lebensmittel aus dem Handel mindestens 4 kg an nicht-essbarer Biomasse an. Die darin gebundenen Pflanzennährstoffe müssen wieder zurück in den landwirtschaftlichen Kreislauf. Biogasproduktion und die Nutzung der Gärreste als Dünger ermöglichen zwar ein effizientes Recycling, aber nur die Nutztierfütterung liefert über die Wirtschaftsdünger hinaus auch noch hochwertige Nahrungsmittel", so Waldenberger.

"In Zukunft kommt es darauf an, aus der begrenzt verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche mit möglichst geringer Umwelt- und Klimawirkung ein Optimum an Lebensmitteln zu erzeugen. Dieses Ziel wird nur unter der Einbindung von Wiederkäuern zur Nutzung der in Österreich prägenden Grünlandflächen erreicht. Das Grünland ist nur über die Milch- und Fleischproduktion für die menschliche Ernährung nutzbar und sowohl in Österreich als auch weltweit für die Ernährungssicherung absolut unverzichtbar. Gerade im Berggebiet gibt es zur Milch- und Fleischproduktion keine wirkliche Alternative", betont der Präsident.

Tierwohl ist gelebte Praxis auf den Betrieben

In Oberösterreich wurden im Jahr 2021 in Summe 1,082 Mio. t Milch an Molkereien angeliefert. Das entspricht einem Anteil von knapp einem Drittel der österreichischen Menge. Von der oberösterreichischen Gesamtmenge entfielen 69.385 t auf Heumilch, 115.083 t auf Bio-Milch und 32.129 t auf Bio-Heumilch. Seit 2019 sind die Anlieferungsmengen auch in diesem Bundesland nicht mehr in dem Ausmaß gestiegen wie in den Jahren zuvor. 2021 war ein leichter Rückgang zu verzeichnen", berichtet Dietachmair.

"Das Investitionsvolumen im Milchkuhbereich zeigt, dass das Tierwohl gelebte Praxis auf den Betrieben ist. Durch eine Vielzahl an Um- und Neubauten bei Ställen wurden die Haltungsbedingungen der Tiere massiv verbessert. Damit einher gehen Verbesserungen in der Arbeitswirtschaft und dadurch vielfach auch die Möglichkeit, mit gleichem Arbeitszeiteinsatz mehr Tiere zu halten. Technische Entwicklungen unterstützen die Tierhalter im Management", erklärt Dietachmair. (Schluss)