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14.11.2017

Neue Abferkelbuchten erhöhen Tierwohl in Österreich

Praxistaugliche Systeme mit Stand zum Öffnen vorgestellt

Wien, 14. November 2017 (aiz.info). - Ausgehend von der Novelle der 1. Tierhalteverordnung vom März 2012 bestand in Österreich die Forderung, die Fixierung von Muttersauen nach der Geburt im Sinne des Tierwohls zu minimieren, unter Berücksichtigung arbeitswirtschaftlicher, ökonomischer beziehungsweise produktionsbezogener Aspekte. Wissenschaft, Produktion, Wirtschaft und Landwirtschaftskammern haben im Auftrag des Gesundheits- und des Landwirtschaftsministeriums das Projekt "Pro-SAU" gestartet und gemeinsam neue praxistaugliche Abferkelsysteme entwickelt, die den Schweinehaltern nun zur Verfügung stehen. "Das Ergebnis gibt uns recht: Die heimische Landwirtschaft geht wieder einen Schritt voraus und revolutioniert die Abferkelbuchten. Nicht nur, dass den Sauen mehr Platz zur Verfügung stehen wird, auch die notwendige Fixierungsdauer des Muttertieres konnte auf ein Mindestmaß reduziert werden. Mit diesem Schritt positioniert sich Österreich weiterhin als Land mit sehr hohen Produktionsstandards", erklärte der LK Österreich-Vizepräsident und Vorsitzende des Ausschusses für Tierproduktion, Franz Reisecker, heute bei einem Lokalaugenschein in einem der sechs Praxisbetriebe.

Die am 9. März 2012 veröffentlichte Änderung der 1. THVO (BGBl. II Nr. 61/2012) sieht unter anderem vor, dass bis spätestens 1. Jänner 2033 alle in Österreich eingebauten Abferkelbuchten eine Mindestfläche von 5,5 m2 aufweisen müssen, dabei darf eine Mindestbreite der Bucht von 160 cm nicht unterschritten werden. Des Weiteren dürfen die Sauen nur mehr bis zum Ende der "kritischen Lebensphase" der Ferkel zum Schutz dieser fixiert werden. Die Abferkelstände müssen sowohl in Quer- als auch Längsrichtung auf die Körpergröße der einzelnen Sauen einstellbar sein.

Drei Systeme in der Praxis überprüft

Im Rahmen des LK-Projekts wurden in engem Schulterschluss mehrere Buchtensysteme mit Stand zum Öffnen, sogenannte "Bewegungsbuchten", entwickelt und drei davon - Flügelbucht, Knickbucht und Trapezbucht - im Hauptversuch geprüft. "Sechs schweinehaltende Landwirte haben sich angeboten, die genannten Systeme in der Praxis zu überprüfen. Dabei hat sich gezeigt, dass sich diese Erkenntnisse mit unserem wissenschaftlichen Ansatz absolut decken", informierte Birgit Heidinger, von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein und Leiterin des Gesamtprojektes. "Die Einbindung von Produktionsbetrieben war von enormer Bedeutung, um die neu entwickelten Systeme auch unter praktischen Bedingungen testen und die persönlichen Erfahrungen der Landwirtinnen und Landwirte erheben zu können. Dadurch konnten insgesamt robustere Ergebnisse erzielt werden."

Und diese zeigen, dass der Abferkelstand vier Tage nach dem Abferkeln geöffnet werden kann, ohne die Sicherheit der Ferkel zu gefährden. Eine darüber hinausgehende Fixierung des Muttertieres hat keine weitere Reduktion in Hinblick auf die Ferkelsterblichkeit zur Folge. Im Durchschnitt der drei Buchtensysteme sind die Aufzuchtleistungen (in den Fixierungsvarianten 4 und 6 = Einsperren der Sau einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin bis zum 4. bzw. 6. Lebenstag der Ferkel) mit jenen in konventionellen Abferkelbuchten mit permanenter Fixierung der Sau vergleichbar. Die aufgetretene Variabilität zwischen den einzelnen LK-Buchtentypen ist nicht signifikant. Das Ziel sei damit erreicht: Sauen werden in Österreich zukünftig nur mehr rund 35 Tage während eines gesamten Jahres fixiert gehalten.

"Unterschiede gibt es jedoch infolge höherer Investitionskosten, etwa durch einen höheren Flächenbedarf, mehr Technik und Mehrkosten bei der Arbeit des Landwirts", so Heidinger. Die drei im Abschlussbericht an die beiden Ministerien präsentierten Systeme wurden von der Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz als rechtskonform ausgeführt zertifiziert. Die Herstellerfirmen erhalten dafür auf Antrag das Tierschutz-Kennzeichen.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt "Pro-SAU" dienen den beiden Ministerien als Entscheidungsgrundlage für die notwendige Anpassung der 1. Tierhaltungsverordnung hinsichtlich der Haltung von Schweinen in Abferkelbuchten. Johann Stinglmayr, Leiter des praktischen Teiles im Projekt und Experte der LK Oberösterreich, hofft darauf, dass die Novellierung bald durchgeführt wird, damit die betroffenen Landwirte mit der Umsetzung beginnen können.

Umfangreiche Bildungs- und Beratungskampagne

Für Stinglmayr und seine Beraterkollegen in den Landwirtschaftskammern beginnt indes die heiße Phase der fachlichen Begleitung und der Überzeugungsarbeit bei den Landwirten. Damit eine ständige Verbesserung dieser neuen Buchten erreicht werden kann, wird eine weiterhin enge Zusammenarbeit mit den heimischen Stallbaufirmen angestrebt, denn "die Wunderbucht" wurde noch nicht erfunden, Anpassungen und Weiterentwicklungen werden dem Experten zufolge notwendig sein. Eine der größeren Herausforderungen der nächsten Jahre sieht er demnach in der Bodengestaltung, was Festigkeit, Rutschgefahr, Sauberkeit etc. betrifft.

Mehrkosten von 23 bis 230 Euro je Tier/Jahr

"Nun sind die politischen Entscheidungsträger an der Reihe, ihre Verantwortung für diese Entwicklungen wahrzunehmen und das während der Tierschutzdiskussion und bei Gesetzwerdung abgegebene Versprechen - eine Abgeltung der daraus entstehenden Mehrkosten für die betroffenen Ferkelerzeuger mit öffentlichen Mitteln - einzulösen", appelliert Stinglmayr an die Regierung, mit einem Investitionsprogramm die Bereitschaft der Landwirte zum Wechsel zu steigern. Denn die Mehrkosten schlagen sich je nach Kombination des Buchtentyps mit der Fixierungsvariante mit 23 bis 230 Euro je Muttersau und Jahr zu Buche.

Scheriau: Erste Erfahrungen des Landwirtes positiv

Reinhard Scheriau aus Thalheim (NÖ) ist einer der sechs Praxisbetriebe, die auf ihrem Hof die drei in Österreich entwickelten neuen Abferkelbuchten im Alltag getestet und damit für ihre Berufskollegen Erfahrungen gesammelt haben. Er hat umgestellt auf jeweils 15 Trapez- und Flügelbuchten und zieht ein positives Fazit: "Das Handling funktioniert sehr gut. Jede Bucht für sich hat Vor- und Nachteile. Es muss jedoch darauf geachtet werden, dass die Sau zwei Tage vor dem errechneten Abferkeltermin fixiert wird. Nach dem Abferkeln und den notwendigen Ferkelbehandlungen kann die Sau nach meiner Erfahrung ab dem fünften Tag wieder freigelassen werden. Zu einem früheren Zeitpunkt ist mit einem höheren Erdrückungsrisiko zu rechnen." Verbesserungsbedarf sieht der Praktiker beim Boden: "Auch mit meinem Mischboden (Beton, Kunststoff und Guss) bin ich nicht ganz zufrieden. Wohlbefinden und Rutschfestigkeit für die Sau sind sehr gut. Bei den Ferkeln, speziell bei möglichen Klauenverletzungen, gibt es aber Verbesserungsbedarf. Weiters ist darauf zu achten, dass Anfütterungsschalen für Ferkel in der Bucht platziert werden können, ohne dass die Sau diese erreicht und der Landwirt diese trotzdem praxistauglich befüllen kann."

Schweinefleischproduktion ist komplexer Prozess

Für LK-Präsident Reisecker hat sich Österreich mit diesen neuen Abferkelsystemen wieder klar als "Land mit den höchsten Lebensmittelstandards" positioniert. Diese müssten aber für die Verbraucher auch eindeutig sichtbar und nachvollziehbar sein, merkt Reisecker an und fordert daher eine bessere Kennzeichnung sowie die Nachvollziehbarkeit der Lebensmittelherkunft beim Außer-Haus-Verzehr. "Der Schweinefleisch-Pro-Kopf-Verzehr in Österreich und Deutschland ist leicht rückläufig, weltweit steigt er hingegen. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Landwirtschaft den Selbstversorgungsgrad mit Qualitätsschweinefleisch sichern kann, und wir benötigen auch die Wertschätzung der Gesellschaft für die österreichische Produktion", so Reisecker abschließend.

Landwirte, die sich für das Projekt "Pro-Sau" interessieren, erhalten genauere Informationen darüber auf der LK-Plattform unter https://www.lko.at/projekt-pro-sau. (Schluss) wol

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