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21.10.2019

LK Steiermark: Wetterextreme dominierten das Vegetationsjahr 2019

Titschenbacher: Bauern wirken aktiv dem Klimawandel entgegen

Graz, 21. Oktober 2019 (aiz.info). - "Ausgeprägte Wetterextreme setzten dieses Jahr der steirischen Landwirtschaft massiv zu. Erstmals war auch der nördlichste Teil unseres Bundeslandes stark von Trockenheit betroffen", verweist Landwirtschaftskammer (LK)-Präsident Franz Titschenbacher auf ein besonders bedrohliches Gesicht des fortschreitenden Klimawandels. Das neue Boden-Humus-Zentrum sowie das Projekt Steirerteich sollen mithelfen, die Verwundbarkeit der Branche durch den Klimawandel zu entschärfen.

Der wärmste, sonnigste und trockenste Juni in der 253-jährigen Messgeschichte legte gefolgt von anhaltender Hitze und Trockenheit den Grundstein für enorme Ertragsausfälle bei Grünland im Oberen Mur-, Mürz-, Liesing- und Ennstal. Dazu kamen massive Schäden durch Engerlinge im Ausseerland, aber auch im Raum Murau. In den südlichen Teilen des Bundeslandes war der für die Jugendentwicklung der Pflanzen so wichtige Mai generell zu kalt, zu trüb und zu feucht, sodass Kürbisse und andere Ackerfrüchte teils sogar erneut angebaut werden mussten. Gepaart mit der darauffolgenden Sommertrockenheit kam es auf wenig wasserhältigen Böden zu erheblichen Ertragsverlusten und verspäteter Reife. Hagel, Dürre, Frost, Überschwemmung und Wiederanbau verursachten heuer einen Gesamtschaden von 27,2 Mio. Euro in der Landwirtschaft.

Gewinner und Verlierer

Große trockenheitsbedingte Verluste gab es neben Grünland und Mais auch bei Erdäpfeln (Minus von bis zu 45%). Mindererträge wurden ferner bei Kürbiskernen, Weizen und Zuckerrüben eingefahren. Zu den Gewinnern zählen heuer Hirse, Hopfen und Marillen. Die Winzer sehen mit voraussichtlich 264.000 Hektolitern der historisch zweitgrößten Weinernte entgegen. Die Käferbohnen-Bauern hoffen noch auf eine durchschnittliche Erntemenge, sofern der Frost spät kommt und sich die im Sommer gebildeten Schoten bis dahin noch entwickeln können. Trockenheitsbedingt werden auch die Chinakohl- und Krenernten nur durchschnittlich ausfallen (Details zu den einzelnen Kulturen sind in einem Download auf aiz.info einsehbar).

Titschenbacher: Ernährungssicherheit muss höchste Priorität haben

Aktuelle Klimamodelle der AGES (Annahme: +3,5 °C im Sommer, +2,5 °C im Winter, minus 20% weniger Jahresniederschlag, 2018) lassen bis zum Jahr 2065 bei wichtigen Kulturen wie Mais, Weizen, gentechnikfreien Sojabohnen, Raps und Erdäpfeln dramatische Ertragseinbußen und somit eine drohende deutliche Unterversorgung erwarten. "Diese alarmierenden Ergebnisse erfordern, dass Politik, Verantwortungsträger und Wissenschaft der Versorgungsicherheit sowie der regionalen, bäuerlichen Landwirtschaft höchste Priorität geben und auch ihr volles Gewicht dafür in die Waagschale werfen", fordert Titschenbacher. "Es gilt, die Verwundbarkeit und Abhängigkeit unseres Landes sowie der Bevölkerung durch klimaschädliche und oftmals minderwertige Lebensmittelimporte zu vermeiden."

Agrarlandesrat Johann Seitinger schließt sich dieser Forderung an und betont: "Das große Ziel der steirischen Land- und Forstwirtschaft ist es, die Versorgungssicherheit in höchstem Maße zu gewährleisten, zudem eine Verteilung der Wertschöpfung zwischen den Bauern und dem Handel gerechter zu gestalten sowie den Konsumenten den Heimvorteil der regionalen Qualitätsprodukte deutlicher zu machen."

Bauern und Kammer wirken aktiv den Folgen des Klimawandels entgegen

Die Landwirtschaft ist nicht nur Hauptbetroffener des Klimawandels, sondern auch ein entscheidendes Rädchen beim Klimaschutz. "Die Wasserverfügbarkeit und der gezielte Humusaufbau sind zwei zentrale Schlüssel, um die Auswirkungen der Klimaverschlechterung auf die Landwirtschaft zu entschärfen", so der LK-Präsident. "Die Bauern und ihre Interessenvertretung werden ihre bisherigen Aktivitäten mit dem neuen Boden-Humus-Zentrum sowie dem Projekt Steirerteich maßgeblich verstärken und erweitern." Gleichzeitig fordert Titschenbacher, die Wasserversorgung in Trockengebieten für den Obst- und Gemüsebau im Zuge von Infrastrukturvorhaben vorsorglich mitzudenken und sicherzustellen. Positives Vorbild ist der Bau des Plabutschtunnels, bei dem gleichzeitig eine gesonderte Leitung miterrichtet wurde, die Wasser vom Norden in den Osten des Landes bringt.

Projekt Steirerteich setzt EU-weite Maßstäbe für klimawandelangepasste Landwirtschaft

"Ab dem Jahreswechsel kann jeder steirische Betrieb kostenfrei per Mausklick mit dem Tool Steirerteich die künftige Wasserverfügbarkeit für seine Flächen anhand von drei möglichen Klimaszenarien bis zum Jahr 2100 ablesen. Dieses vorausschauende Werkzeug dient der Entscheidungshilfe für die künftige Kulturartenwahl und gibt Orientierung, wo und in welcher Größe Bewässerungsteiche sinnvoll und machbar sind", informiert Kammerdirektor Werner Brugner über dieses europaweit einzigartige Tool. Bei Bedarf unterstützen in der Folge die Bewässerungsberater der LK bei der Machbarkeitsabklärung des Vorhabens.

Neues Boden-Humus-Zentrum für einen klimafitten Anbau und eine reiche Insektenvielfalt

"Ein humusreicher Boden speichert Wasser, schützt die Pflanzen besser vor Trockenheit und bei Starkregen den Boden vor Abschwemmung", unterstreicht Brugner. Im neu eingerichteten Boden-Humus-Zentrum in der Bezirkskammer Südoststeiermark in Feldbach treiben seit Kurzem vier erfahrene Boden-Experten den klimafitten Ackerbau mit den steirischen Bauern nachhaltig voran. Brugner: "Eine zentrale Rolle spielt dabei eine vielfältige Fruchtfolge mit einer im Idealfall ganzjährigen Begrünung mit speziellen insektenfreundlichen Blühpflanzen, die den Bienen und Insekten Nahrung bieten, von den Regenwürmern verwertet werden und so einen gesunden Boden schaffen." Die bisher schon derart bewirtschafteten 3.000 ha Fläche sollen in den kommenden Jahren verzehnfacht werden. Auch im Obst- und Weinbau sollen die Begrünungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten verjüngt werden, um den Bienen und Insekten stets frische Blüten zu bieten. Weiters geht es um wassersparende Bodenbearbeitung. "Unabdingbar für den nachhaltigen Erfolg sind regionale Praxisversuche, die Züchtung von trocken- und hitzeresistenteren Sorten aus dem regionalen Genpool sowie Anreize für die Bauern im Zuge der neuen EU-Agrarpolitik 2021+", betont der Kammerdirektor.

Das Boden-Humus-Zentrum bietet den steirischen Landwirten individuelle Beratung, veranstaltet Praxis- und Feldtage mit erfahrenen Praktikern in der Humus- und Zwischenfruchtanbauwirtschaft und hat ein ambitioniertes Weiterbildungsprogramm auf die Beine gestellt. (Schluss)

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