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10.10.2019

Klimawandel und Bodenverbrauch gefährden unsere Ernährungssouveränität massiv

AGES-Studie: Hauptanbaugebiete werden bis zu 50% ihrer Produktion einbüßen

Wien, 10. Oktober 2019 (aiz.info). - Die Zukunft der heimischen Selbstversorgung mit regionalen Lebens- und Futtermitteln ist massiv bedroht. "Der fortschreitende Klimawandel und der Bodenverbrauch werden ohne entsprechende Lenkungsmaßnahmen in den nächsten Jahrzehnten dazu führen, dass bei den meisten derzeit bedeutenden Feldfrüchten nach 2030 keine Autarkie mehr gewährleistet werden kann, selbst wenn alle derzeit verfügbaren Bodenressourcen in der Produktion verbleiben", brachte es Andreas Baumgarten, Leiter einer Studie der AGES, die in Kooperation mit anderen Institutionen im Auftrag des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT) erstellt wurde, heute vor Journalisten auf den Punkt. Oberstes nationales Ziel müsse daher sein, den Klimawandel zu bremsen und die Lebensgrundlage Boden zur Aufrechterhaltung der heimischen Ernährungssouveränität zu erhalten. "Hier herrscht jedenfalls Handlungsbedarf", appellieren Ferdinand Lembacher, Generalsekretär der Landwirtschaftskammer (LK) Österreich, und Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, an die Politik, entsprechende Maßnahmen zu setzen und etwa die wertvollsten Böden explizit vor Verbauung zu schützen.

Studie belegt massiven Ertragsrückgang

Laut der präsentierten Studie "Bodenbedarf für die Ernährungssicherung in Österreich" (BEAT) ist hierzulande bis zum Jahr 2080 mit einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von bis zu 6 °C zu rechnen. Damit einher gehen naturgemäß Verschiebungen der Regenmenge, was laut Baumgarten vor allem die Landwirtschaft im Osten und Südosten Österreichs spüren wird. Das Resultat: Die "Bonität" der Böden wird insbesondere in diesen Regionen zum Teil dramatisch sinken. "Wir müssen mit einem Rückgang der Erträge um bis zu 19% in den kommenden 40 Jahren rechnen", so Baumgarten. Im aktuell trockenen, pannonischen Klimaraum werde es die stärksten Ertragseinbußen geben. Im Marchfeld könnte sich die Ernte sogar um bis zu 50% verringern, bis 2060 drohe eine Unterversorgung etwa bei Getreide, Mais oder Kartoffeln. "Deshalb müssen wir dieser wertvollen Ressource mehr Beachtung schenken, die besten, klimafitten Ackerflächen identifizieren und für die Lebens- und Futtermittelerzeugung bewahren", fordert der Wissenschafter. Damit könnten 75% der gesamten landwirtschaftlichen Produktionskapazität in Österreich künftig gesichert werden.

Die Forschungsergebnisse untermauern auch die langjährige Forderung nach einer Trendumkehr des nahezu ungebremst anhaltenden Bodenverbrauchs und der Definition von Zielen mit konkreten Zahlen: "Wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir Probleme bekommen. Jeden Tag gehen rund 12 ha Grünflächen durch Bauprojekte verloren. Daher schlagen wir vor, ertragreiche Flächen gegen Versiegelung zu schützen, damit sie in der landwirtschaftlichen Produktion bleiben", so Baumgarten. Als wichtiges Instrument für die künftige Raumplanung soll dabei das auf Basis der Bodenqualität entwickelte Konzept zum Schutz der wertvollen landwirtschaftlichen Produktionsflächen dienen.

Lembacher: Regierung muss Sofortmaßnahmen für Lebensmittelversorgung setzen

Die kommende Regierung müsse "schleunigst Sofortmaßnahmen für die nachhaltige heimische Lebensmittelversorgung setzen", so der Appell von LKÖ-Generalsekretär Lembacher. "Die Studie zeigt, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, die Bevölkerung in ausreichendem Maße mit regionalen Erzeugnissen versorgen zu können. Vielmehr betreiben wir ohne entsprechende Maßnahmen massiven Raubbau auf Kosten der kommenden Generationen und machen uns abhängig von klimaschädlichen Importen oftmals minderwertiger Lebensmittelqualität." Es sei längst an der Zeit, so Lembacher weiter, "das in der Bundesverfassung festgeschriebene Staatsziel, die Versorgung der Bevölkerung mit hochqualitativen Lebensmitteln sicherzustellen, mit Ernsthaftigkeit zu verfolgen". Konkret spricht er eine 15a-Bundesverfassungsgesetz-Vereinbarung an, mit der die Bewahrung der entscheidenden Grundlagen für die Lebensmittelversorgungssicherheit und somit auch der quantitative Bodenschutz verbindlich festgeschrieben werden."

"Es sollte auch in unserem nationalen Interesse liegen, unsere Landwirtschaftsflächen als Produktionsgrundlage zu behalten. Um das zu erreichen, wird ein Maßnahmenbündel notwendig sein, das unter anderem eine verbesserte Koordination der Raumordnungspolitik und die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorrangflächen beinhalten muss. Ebenso muss die Bodenverbrauchsprüfung fixer Bestandteil von Umweltverträglichkeitsprüfungen werden. Zudem braucht es Anreize zur Revitalisierung von Ortskernen und zum Brachflächenrecycling", fasst Lembacher zusammen. Es gebe auch Überlegungen, die ökologischen Ausgleichsflächen, die zum Beispiel bei der Errichtung neuer Verkehrswege den Bodenverbrauch potenzieren, in Pools zusammenzufassen, damit wertvolle agrarische Böden zusammenhängend für die Lebensmittelerzeugung genutzt werden können. "Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass Bodenschutz Versorgungssicherheit, Klima-, Biodiversitäts- und Naturgefahrenschutz bedeutet und somit Lebensschutz ist", unterstreicht Lembacher.

Weinberger: Wertvollste Agrarflächen müssen geschützt werden, alles andere bedeutet Abhängigkeit

Weinberger sieht in der aktuellen Fehlentwicklung eine Sicherheitsfrage für Österreich, weil ein Land mit niedriger Selbstversorgungsrate "verletzlich" wird. "Der Boden ist essenziell für die Lebensmittelerzeugung. Um nicht kollektiven Selbstmord zu begehen, müssen wir - wie in der Schweiz - die produktivsten Flächen mit einem absoluten Bauverbot belegen, um die Ernährungssicherung der Bevölkerung auch in Zukunft sicherzustellen", so der Vorstandsvorsitzende weiter. Er plädiert, ebenso wie der LKÖ-Generalsekretär, für die verstärkte Revitalisierung leerstehender Gewerbe-, Wohn- und Industrieimmobilien (laut Umweltbundesamt rund 40.000 ha). Als Beispiel, wo die "Ordnung der Räume deutlich besser funktioniert", nennt Weinberger den Freistaat Bayern. "Dort herrscht Beweislastumkehr. Sprich, Baulandausweisungen werden erst genehmigt, wenn eindeutig feststeht, dass das Innenraumpotenzial erschöpft ist." (Schluss) wol

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