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12.09.2019

Heimische Molkereien befürchten negative Folgen durch Brexit und Handelskriege

Milchwirtschaft diskutiert Strategien zur Steigerung der Wertschöpfung

Gmunden/Wien, 12. September 2019 (aiz.info). - "Das Milchjahr 2019 hat EU-weit und in Österreich mit einer geringeren Anlieferung begonnen. Gründe dafür waren die Dürre und die schlechte Futtersituation in wichtigen Produktionsgebieten der EU im letzten Jahr. Eine höhere Butterproduktion drückte die Preise für Butter auf den internationalen Märkten, hingegen erholten sich die Preise für Eiweiß nach dem Verkauf der Interventionsmengen. Aktuell stellen vor allem ein ungeordneter Brexit sowie angedrohte Handelssanktionen eine Bedrohung für den europäischen und österreichischen Milchmarkt dar." Dies berichtete heute der Präsident der Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter, Helmut Petschar, bei der Milchwirtschaftlichen Bundestagung in Gmunden/OÖ.

Die Entwicklungen rund um den Brexit werden nicht nur von der österreichischen, sondern von der gesamten europäischen Milchwirtschaft mit großer Sorge betrachtet, nachdem Großbritannien mit Importen von rund 480.000 t Käse und 90.000 t Butter mangels ausreichender Eigenversorgung ein großer Importeur von EU-Milchprodukten ist. Ein ungeregelter Brexit könnte über Nacht große Marktstörungen bringen. Viele EU-Unternehmen, die derzeit noch nach Großbritannien liefern, sind auf der Suche nach neuen Absatzmärkten in der Union, was einen zusätzlichen Marktdruck bringt. Für die Milchwirtschaft ist daher weiterhin ein Marktzugang in das Vereinigte Königreich sehr wichtig, wie Petschar betonte.

Exporte 2019 rückläufig

Während im Jahr 2018 bei den Exporten von österreichischen Milchprodukten noch Spitzenwerte erreicht wurden, gingen diese im heurigen Jahr aufgrund der geringeren Anlieferung in den ersten Monaten zurück. Hauptexportländer sind weiterhin Deutschland und Italien, gefolgt von Australien und China.

Schwache Butternotierungen drückten auf die Erzeugermilchpreise

Die Preise für Milch haben sich heuer EU-weit auf Basis schwächerer Fett- und höherer Eiweißnotierungen insgesamt zuletzt leicht rückläufig entwickelt, zu Beginn des Jahres lagen sie noch über den Vorjahreswerten. In Österreich erbrachte in den ersten Monaten von 2019 eine verringerte Anlieferung ein leichtes Plus bei den Erzeugerpreisen. Sorgen bereiten auch hierzulande derzeit vor allem die Notierungen auf den Fettmärkten mit schwachen Butterpreisen, in deren Folge auch die heimischen Molkereien zuletzt die Milchpreise etwas reduzieren mussten. Ein Problem ist laut Petschar auch die Tatsache, dass Kostensteigerungen bei den Löhnen und Gehältern, im Transport, bei Verpackungsmaterial, bei Energie und erhöhte Kosten infolge höherer Qualität nicht die entsprechende Abgeltung finden.

Die Anlieferungsmengen lagen in Österreich im Juni 2019 wieder über dem Vorjahr, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres war das Milchaufkommen in Österreich um 1,2% geringer als im Vorjahreszeitraum. Mengenmäßig weiter positiv entwickelt hat sich die Produktion von Biomilch, diese liegt nun bei 18,7% der Gesamtproduktion und damit EU-weit auf dem höchsten Niveau.

Der durchschnittlich ausbezahlte Erzeugermilchpreis lag in den ersten sieben Monaten 2019 in Österreich bei 42,22 Cent/kg brutto und damit um 1,9% über dem Vorjahr (Durchschnitt aller Qualitäten, natürliche Inhaltsstoffe). Der Durchschnittspreis für konventionelle, gentechnikfreie Qualitätsmilch mit einem Fettgehalt von 4,0% betrug in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 34,15 Cent/kg netto, im Juli 2019 waren es 33,48 Cent/kg.

Österreichische Qualität als Basis für Wertschöpfungsstrategie

Das Generalthema der Milchwirtschaftlichen Bundestagung 2019 lautet "Strategien zur Steigerung der Wertschöpfung". Mit Gentechnikfreiheit, strengen Produktionsauflagen wie dem Verzicht auf Soja aus Übersee und Palmöl in der Fütterung, dem Verzicht auf bedenkliche Pflanzenschutzmittel, weiters mit hohen Tierwohlstandards und dem höchstem Anteil an biologischen Produkten sowie einer hohen Teilnahme an staatlichen Umweltprogrammen setzt die österreichische Milchwirtschaft seit Jahren auf eine konsequente Nachhaltigkeits- und Qualitätsstrategie. Petschar verwies in diesem Zusammenhang auf die vielen regionalen Erzeugnisse und Spezialprodukte wie Heumilch und Biowiesenmilch, auf die strengen Standards und Kontrollen durch das AMA-Gütesiegel, sowohl in der Produktion als auch in der Verarbeitung. Zudem erfolge die Milchproduktion in Österreich großteils im Berggebiet in überschaubaren Einheiten und weise die EU-weit geringsten CO2-Emissionen auf.

"Das Problem ist, dass diese Standards von der Gesellschaft und von den Abnehmern zwar gewünscht werden, allerdings finden sie nicht immer die entsprechende Abgeltung. Oft werden unsere Qualitätsprodukte mit Preisen von Erzeugnissen, die nicht unseren hohen Standards entsprechen, verglichen. Unsere Qualität kann aber nur dann bestehen, wenn sowohl der Lebensmittelhandel als auch die Konsumenten bereit sind, diese Strategie mitzutragen und zu honorieren. Gerade die teils dramatischen Entwicklungen im Klimabereich in den letzten Jahren, die auch in Österreich deutlich feststellbare Auswirkungen haben, sollten uns zu mehr Konsequenz beim täglichen Einkauf führen, zumal die Nachhaltigkeitsstrategie der heimischen Milchwirtschaft international höchst vorbildlich ist", betonte Petschar.

Milchwirtschaft braucht faire politische Rahmenbedingungen

"Die Ausgestaltung der politischen Rahmenbedingungen in Österreich und auf EU-Ebene ist für den Milchstandort Österreich von entscheidender Bedeutung. Dies erfordert, dass sowohl auf EU-Ebene im Rahmen der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik als auch für die kommende Bundesregierung ein klares Bekenntnis mit entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen für eine nachhaltige Milchwirtschaft gegeben sein muss", unterstrich der VÖM-Präsident.

Die EU-Marktordnung müsse auch künftig wirksame Instrumente zur Abwehr von Krisen am Milchmarkt vorsehen, auch seien Maßnahmen gegen eine hohe Preisvolatilität notwendig. Bei internationalen Handelsabkommen sei darauf zu achten, dass diese nicht problematischen Produktionsstandards Vorschub leisten, vielmehr sei durch Handels- und Veterinärabkommen der Marktzugang in einzelne Exportdestinationen sicherzustellen. Besonders wichtig sei ein weiterhin ungehinderter Marktzugang in Großbritannien, erklärte Petschar.

Qualitätsstrategie weiter ausbauen

"Der Ausbau der Qualitätsstrategie der heimischen Milchwirtschaft ist weiter zu unterstützen. Strukturbedingte Mehrkosten bei der Anlieferung sind zur Sicherung der Produktion in Berg- und benachteiligten Gebieten abzugelten, weil diese Regionen auch die Basis für den Tourismus sind. Die Kooperation zwischen Milchwirtschaft, regionalen Einrichtungen und Tourismus sollte gezielt gefördert werden, um einen regionalen Mehrwert zu schaffen", sagte der VÖM-Präsident.

Die Herkunftskennzeichnung sei praktikabel auszubauen. Der Konsument solle sehen, was er kauft, woher das Produkt stammt und welche Qualität er bekommt. Ein Bekenntnis zu hohen österreichischen Standards dürfe nicht allein die Forderung an die heimischen Produzenten sein, wenn gleichzeitig Waren mit niedrigeren Standards aus anderen Ländern in die Regale genommen werden. Hier müsse der Handel seine Verantwortung wahrnehmen. Dem hochwertigen Lebensmittel Milch sollte ein gebührender Stellenwert in der Ernährungspolitik eingeräumt werden. Gegen Fake-Produkte, welche versuchen, das positive Image und die Bezeichnung Milch zu verwenden, sei entschieden vorzugehen, um die Konsumenten vor unlauteren Täuschungen zu schützen. Die Milchwirtschaft sollte bei der weiteren Verbesserung des Tierwohls unterstützt werden, außerdem solle das AMA-Marketing-System als wirksame Marktunterstützung im In- und Ausland weiter ausgebaut und organisatorisch gestärkt werden.

Position in der Lebensmittelkette stärken

"Ein besonderes Anliegen ist uns die Verbesserung der Wettbewerbssituation in der Lebensmittelkette, zumal die Entwicklung in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass aufgrund der hohen Marktkonzentration und des steigenden Eigenmarkenanteils Mehrkosten für objektive Kostensteigerungen sowie höhere Qualität nicht abgegolten werden und die Wertschöpfung vermehrt zum Lebensmitteleinzelhandel wandert", betonte Petschar. Dies erfordere eine wirksame Umsetzung der EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken und weitere Maßnahmen, um die strukturelle Schieflage in diesem Bereich zu beseitigen. (Schluss) kam

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