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07.12.2018

EU-Landwirte zögern vor der digitalen Revolution

Fehlendes Breitband und der Datenschutz sind die Hindernisse

Brüssel, 7. Dezember 2018 (aiz.info). - Die Landwirtschaft steht vor einer technologischen Revolution. Doch zwischen Forschungsergebnissen und praktischer Anwendung steht eine Fülle von Hindernissen. Dazu gehören Misstrauen gegenüber digitalen Technologien, der Datenschutz und eine fehlende Versorgung mit Breitband auf dem Land. Bei der Outlook-Konferenz der EU-Kommission in Brüssel diskutierten Agrarpolitiker und Fachexperten über die Vorteile digitaler Lösungen für Landwirte beziehungsweise entlang der Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln. Innovative Lösungen zur Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln, Dünger, Wasserverbrauch und Emissionen, aber auch moderne Techniken für die Tierproduktion sowie die Rückverfolgbarkeit in der Lebensmittelkette wurden präsentiert. Landwirtschaft 4.0, Robotik, Sensorik, Big Data und Blockchain waren nur einige Schlagwörter in diesem Zusammenhang.

"Die Akzeptanz in der Öffentlichkeit ist bei der Digital- und Satellitentechnik weniger das Problem als bei neuen Züchtungsmethoden", betonte Peter Groot Koerkamp, Professor an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Schließlich könnten Herbizide eingespart und Pflanzennährstoffe besser an den Bedarf angepasst werden, führte Koerkamp aus. Damit seien automatisierte Roboter und Satellitendaten eine Antwort auf den geforderten Umwelt- und Klimaschutz im Agrarsektor. Er schätzt das Einsparungspotenzial für Dünge- und Pflanzenschutzmittel auf 20 bis 40%. Landwirte ließen sich trotzdem nur mit Mühe von der Anwendung der Fortschritte überzeugen. Die Einsparung von Kosten und Zeit sei nicht immer gleich offensichtlich, erklärte Koerkamp das Zögern vieler Landwirte. Er geht davon aus, dass Sensoren und andere Robotertechniken billiger werden, wenn man sie zukünftig in großer Stückzahl produziert. Mit der Digitaltechnik werden nicht immer größere Maschinen produziert, sondern gerade auch Lösungen für kleine Betriebe entwickelt, ist Koerkamp überzeugt.

Hogan: Daten müssen in Händen der Landwirte bleiben

"Der Zugang zur Agritech-Revolution liegt mir sehr am Herzen - diesbezüglich werden wir sehen, welche Unterstützung die EU geben kann", sagte EU-Agrarkommissar Phil Hogan auf der Outlook-Konferenz. Die Betriebe, insbesondere die kleinen und mittleren, bräuchten einen "Kickstart", um bei der ersten digitalen Technikwelle dabei sein zu können. Zum Misstrauen möglicher Anwender aufgrund des Datenschutzes sagte Hogan: "Die Daten müssen in den Händen der Landwirte bleiben und nur mit ihrer ausdrücklichen Einwilligung dürfen sie weitergegeben werden." Das Problem von fehlenden Breitbandverbindungen für das Internet in ländlichen Regionen wies Hogan an die EU-Mitgliedstaaten zurück. Diese seien für den Ausbau zuständig und sollten dies auch energisch angehen, forderte der EU-Agrarkommissar.

Jannes Maes, Präsident des Europäischen Rats der Junglandwirte, CEJA, sieht drei Hemmnisse, die die Landwirte derzeit noch davon abhalten, digitale Technologien auf ihren Betrieben einzusetzen. "Das sind einmal die Kosten, die vor allem von Junglandwirten häufig nicht bezahlt werden können. Hier muss die Politik ansetzen", forderte Maes. Auch an den Rahmenbedingungen mangle es noch. "Es braucht mehr qualitative Datenverbindungen, denn dort wo die Landwirte arbeiten, gibt es oft kein Signal. Außerdem muss das Vertrauen in diese Techniken gesteigert werden, denn diese bringen nur etwas, wenn die neuen Informationen zu Aktionen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb führen", beteuerte der CEJA-Präsident.

Burtscher: Beachtliche finanzielle Mittel für Forschung und Innovation vorhanden

"Die Landwirtschaft muss sich neu erfinden und steht vor großen Herausforderungen, wie etwa Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Schutz von Luft, Boden, Wasser und der Biodiversität. Wenn man diese Herausforderungen bewältigen will, braucht man Forschung und Innovation", unterstrich der Österreicher Wolfgang Burtscher, stellvertretender Direktor der Generaldirektion Forschung und Innovation in der EU-Kommission. "Wir müssen sicherstellen, dass Forschung und Innovation die digitalen Themen voranbringt, die in der Landwirtschaft von Bedeutung sind. Wir haben die Problemstellungen und wir haben auf europäischer Ebene beachtliche finanzielle Forschungsmittel", betonte Burtscher weiter. Im Rahmen des EU-Programmes "Horizon 2020" seien bisher mehr als 600 Forschungsprojekte vergeben worden. Für das Nachfolgeprogramm "Horizon Europe" für die Jahre 2021 bis 2027 seien 10 Mrd. Euro für Forschungs- und Innovationsvorhaben in den Bereichen Ernährung, Landwirtschaft, Ländliche Entwicklung und Biowirtschaft veranschlagt worden. Die Finanzierung daraus ende dann beim Prototypen.

"Technologien können helfen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Arbeitsplätze von hohem Wert im ländlichen Raum zu schaffen und die Einkommenskluft zwischen Stadt und Land zu verringern. Es sind wunderbare Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet", schwärmte Burtscher. Dabei dürfe aber die Akzeptanz der Gesellschaft nicht außer Acht gelassen werden. "Wir haben Geld, die Themen, hervorragende Forscher und würden die Ergebnisse gerne einsetzen, die von der Gesellschaft auch anerkannt werden", resümierte der hohe EU-Beamte.

Sucha: Es wird eine Datenexplosion geben

"In der Digitalisierung wird es einen demokratischen Ansatz für kleine und große landwirtschaftliche Betriebe geben", kündigte Vladimir Sucha, Generaldirektor der gemeinsamen Forschungsstelle (JRC), dem wissenschaftlichen Dienst der EU-Kommission, an. "Wir werden durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verlieren, aber noch viel mehr entlang der gesamten Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln schaffen. Es werden sich neue Geschäftsmodelle entwickeln, die es bisher nicht gegeben hat", zeigte sich Sucha euphorisch. "In der Theorie ist das alles fantastisch, in der Praxis muss man sich jedoch noch viele Gedanken machen. Denn es wird eine Datenexplosion geben, die mit den Kapazitäten unserer Computer nicht mehr vereinbar sein wird. Daher müssen künftig Traktoren und Handys Daten direkt verarbeiten können, um dies zu bewältigen und den Energieverbrauch für Datenclouds zu drosseln", gab Sucha zu bedenken.

Fontaine: Blockchain steigert Vertrauen in Lebensmittel

"Blockchain ist ein Hilfsmittel für die Rückverfolgbarkeit entlang der Lebensmittelkette, um das Vertrauen der Verbraucher in Nahrungsmittel zu stärken", erklärte Séverine Fontaine, Qualitätsdirektorin beim französischen Handelsunternehmen Carrefour. Wird der QR-Code auf der Verpackung mit dem Handy eingelesen, erhalten die Konsumenten die ganze Geschichte zu dem Produkt. "Das beginnt mit einem Video vom landwirtschaftlichen Betrieb und reicht bis hin zu Informationen über den Schlachthof, die Schlachtung und Verarbeitung, Tipps zur optimalen Lagerung, Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums usw.", erläuterte Fontaine. Carrefour wende das System aktuell bei Geflügelfleisch und Eiern an. "Das Interesse der Konsumenten ist noch nicht sehr hoch", räumte die Qualitätsmanagerin ein. Die Preise für diese Lebensmittel hätten sich durch das Blockchain-System aber nicht erhöht. (Schluss) hub/mö

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