Sie sind noch nicht eingeloggt:
11.05.2012

Wahlen in Frankreich: Niemand kümmert sich mehr um die Landwirtschaft

Bauern in Zentralfrankreich über Wahlergebnis enttäuscht

Paris/Nevers, 11. Mai 2012 (aiz.info). - Jon Henley, Redakteur der britischen Tageszeitung "The Guardian", hat Landwirte im Departement Cher, in Zentralfrankreich, gefragt, wem sie bei der Präsidentenwahl vergangenen Sonntag ihre Stimme gegeben haben. Für Veronique und Thierry Minard, die gemeinsam eine Rinderzucht mit 120 Charolais-Kühen in dem kleinen Dorf Neuvy-le-Barrois, nicht weit von Nevers, betreiben, war die Entscheidung nicht schwer. Sie haben Nicolas Sarkozy gewählt. Obwohl auch er die Landwirtschaft mit keinem Wort in seinem Wahlprogramm erwähnt hätte. "Das schmerzt", sagt Veronique. Aber in Frankreich hätte es bisher immer ein Recht gegeben, dass die Interessen der Bauern verteidigt. Jacques Chirac wäre darin besonders gut gewesen. "Sarkozy war anders als seine Vorgänger. Die hatten Freude daran, den Kühen auf den Rücken zu klopfen und mit den Bauern gemeinsam Rotwein zu trinken. Das brachte ihnen sicherlich auch viele Stimmen ein", ist Thierry überzeugt.

Wenn es um die Frage der EU-Agrarförderungen geht, betonen beide, wie sehr sie darauf angewiesen sind. "Ohne die Beihilfen könnten wir nicht überleben. Selbst mit den Fördergeldern liegt das Einkommen nur knapp über dem Mindestlohn", so das Ehepaar. Dabei seien ihre Ausgaben - insbesondere für Lebensmittel - im Vergleich zu dem meisten anderen Franzosen deutlich niedriger. "Deshalb brauchen wir einen Präsidenten, der sich in Brüssel für uns stark macht. Sarkozy hätte das weit besser gemacht als Francois Hollande", sind sich Veronique und Thierry einig.

"Die GAP wird nächstes Jahr neu beschlossen und darum ist es wichtig, dass die Anliegen der Bauern ernst genommen werden", sagt Thierry. "Sarkozy konnte gut mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie mag Hollande nicht. Es stimmt, dass auch viele Menschen Sarkozy nicht leiden konnten, weil er sich nicht viel aus ihnen machte. Dennoch gab es für uns bei der Präsidentenwahl keinen Zweifel.

Hollande hat keine Autorität

In der Tat gaben bei den meisten vergangenen Wahlen rund 60%, der etwas mehr als 110 Wähler in dem von der Landwirtschaft geprägten Ort, dem konservativen Kandidaten ihre Stimme. Manu Faure, Techniker in einer spezialisierten Metall-Schmiede-Firma in der Nähe von Nevers, und seine Frau Rachel, die als Betreuerin in einer landwirtschaftlichen Hochschule arbeitet, sind keine Ausnahme.

"Ich glaube nicht, dass Hollande ein starker Präsident sein wird", meint Rachel. "Er hat weder die Statur noch die Standhaftigkeit eines Pompidou, De Gaulle oder sogar Mitterrand. Sein Programm ist wenig ausführlich und unklar. Wir haben ernsthaft andere Kandidaten als Sarkozy in Erwägung gezogen. Aber die Idee von Marine Le Pen zum Beispiel mit ihrer Partei Front National, Frankreich aus der EU zu führen und zu den Franken zurückzukehren, ist völlig lächerlich und unglaubwürdig", erzählt sie weiter.

"Sarkozy hat in der Vergangenheit zweifellos enttäuscht", sagt Manu. "Er verärgerte die Menschen und schätzte Situationen falsch ein. Hauptsächlich versprach er aber vor fünf Jahren, dass harte Arbeit gebührend entlohnt werden würde. Wir schätzen unsere soziale Sicherheit, die Renten und das Gesundheitswesen. Dennoch besteht in der Gesellschaft ein zu großes Ungleichgewicht. Viele Menschen bekommen für die wenige Arbeit, die sie verrichten, zu viel. Harte Arbeit sollte besser honoriert werden", fordert Manu.

Trotzdem gaben sie Sarkozy ihre Stimme, zum Teil auch deshalb, weil Hollande "einfach zu weich ist", sagt Rachel. "Er ist keine Person, vor der man Respekt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein Team leitet. In Krisenzeiten wie diesen sind Führungsqualitäten aber gefragt." In welche Richtung Frankreich steuern wird, hänge auch davon ab, wem Hollande zum Premierminister ernennt. "Im schlimmsten Fall könnten wir wie Spanien oder Griechenland enden. Das Risiko ist groß", zeigt sich das Paar wenig zuversichtlich.

Einfluss der Bauern ist verschwindend klein

Martine und Jean-Luc Rossi sind Milchbauern. Sie haben sich auf die Herstellung von Käse und Rahm spezialisiert. Die Produkte von ihren Kühen und 50 Ziegen verkaufen sie hauptsächlich ab Hof und auf lokalen Märkten. An Markttagen stehen sie spätestens um 4.30 Uhr auf. "Die Arbeit ist sehr hart", sagt Martine und das beinahe das ganze Jahr über. "Wir können nur etwas Auszeit nehmen, wenn unser Sohn mal für einen Tag die Arbeit übernimmt."

Auch die finanzielle Situation sei sehr angespannt: "Es hat Zeiten gegeben, in denen wir uns ernsthaft gefragt haben, wie wir durch das Jahr kommen. Dabei ist unser Lebensstil sehr bescheiden und wir gehen kaum aus", erzählen die beiden. Trotzdem haben sie am Sonntag Sarkozy gewählt. "Er ist direkt und natürlich, ich habe kein Problem damit", sagt Martine, und er hätte Frankreich "relativ gut durch diese Krise geführt. Das Land ist nicht in so einem schlechten Zustand, die Arbeitslosigkeit zum Beispiel ist viel weniger gestiegen als in anderen Staaten".

Von Hollandes Programm habe Jean-Luc nur ein Versprechen angesprochen. Nämlich das Pensionsantrittsalter für Personen zu senken, die sehr jung zu arbeiten begonnen haben. "Aber was macht das für einen Sinn, wenn dadurch die Rente gekürzt wird", fragt er.

"Sarkozy ist möglicherweise von unserer kleinen Welt weit entfernt, aber auch Hollande interessiert sich nicht brennend für die Situation der Landwirte. Wir müssen der Realität ins Auge sehen: In Frankreich zählt die Landwirtschaft nicht mehr viel. Betriebe verschwinden, wachsen zusammen - bis künftig nur mehr Agrarfabriken die Branche dominieren. Die Landwirte stellen heute nur mehr 4% der Wähler, ein winziger Bruchteil im Vergleich zu 50 Jahren davor. Wir haben überhaupt keinen Einfluss mehr", ist Jean-Luc enttäuscht. Das geht auch aus dem Wahlergebnis hervor, denn der neue Präsident Frankreichs heißt Francois Hollande. (Schluss) hub

  • Unser Lagerhaus © Archiv