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03.02.2017

Wintertagung: Herausforderungen und Chancen des Gemüseanbaus diskutiert

Branchenverband im Entstehen, Alternativen mit Breitenwirkung, der soziale LEH

Wien, 2. Februar 2017 (aiz.info). - Einen weiten Bogen - von den Rahmenbedingungen über die Arbeit von Branchenverbänden bis zur Vermarktung und interessanten Kooperationen als Leuchtturmbeispiele - spannten die zahlreichen Referenten beim Gemüsebautag der 64. Wintertagung des Ökosozialen Forums, die unter dem Motto "Unser Essen. Unsere Regionen. Wer wird uns morgen versorgen?" stand.

Strukturwandel setzt sich unaufhaltsam fort: Weniger Betriebe, größere Fläche

Einleitend zeigten die Ergebnisse der Gartenbau- und Feldgemüseanbauerhebung 2015 der Statistik Österreich (www.statistik.at), dass sich der Strukturwandel unaufhaltsam fortsetzt und die Zahl der heimischen Gemüsebaubetriebe seit 2010 erneut gesunken ist, von 399 auf 376. Gleichzeitig wurde die Anbaufläche von 560 auf 622 ha erweitert und auch die durchschnittliche Betriebsgröße wuchs. "Betriebe mit dem Schwerpunkt Gemüseanbau sind in Wien und im Burgenland konzentriert", so Lukas Gach (Statistik Austria), "in der Bundeshauptstadt bewirtschaften diese 54% der agrarisch genutzten Fläche." Ähnlich verhält es sich beim Feldgemüsebau: Auch hier sinkende Betriebszahlen (1.870, -5%), aber eine größere Gesamtfläche (13.995 ha, +23%) und eine ebenfalls erweiterte durchschnittliche Betriebsgröße. Führende Erzeugerregionen sind Nieder- (64%) und Oberösterreich (11%) sowie die Steiermark und das Burgenland (jeweils 7,4%) mit einer Konzentration im Nahbereich der Ballungsräume.

2016 war für die Branche ein katastrophales Jahr, da nach dem Frost im April die Obsternte dramatisch schlecht ausgefallen ist (gesamt -67%, Äpfel -72%, Birnen -52%, Marillen -39%). Im Gemüsesektor waren lagebedingt "nur" wenige Kulturen betroffen (Paprika -8%, Zwiebel -3%, Tomaten -1%), ansonsten fiel die Ernte um 9% höher aus als im langjährigen Schnitt. Das Landwirtschaftsministerium hat umgehend mit einer Reihe von Maßnahmen reagiert, um den Schaden für die betroffenen Betriebe rasch zu mindern.

Reform soll Erzeugerorganisationen mehr Gewicht verleihen

Um im globalen Wettbewerb Bestand zu haben, will die EU-Kommission den Erzeugerorganisationen mehr Gewicht verleihen. Österreich liegt mit elf anerkannten EOs im europäischen Mittelfeld, führend Spanien (zirka 450) und Italien (rund 280). "Ziel der Reform ist eine Verwaltungsvereinfachung mit klareren Regeln, die Missverständnisse bei der Umsetzung ausräumen sollen, sowie eine Reduktion des administrativen Aufwandes", fasste Christian Jaborek, Leiter der Abteilung Obst, Gemüse, Wein, Sonderkulturen im BMLFUW, zusammen. Fundamentale Regeln sollen dabei unverändert bleiben.

Ein Viertel der Betriebe wird bis 2025 aufgehört haben

Vor dem Hintergrund der globalen Bevölkerungsentwicklung, fixierten Klimaschutzzielen, der digitalen Revolution und ihren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sowie steigendem Populismus in modernen Medien muss auch die heimische Landwirtschaft, angesichts höherer Kosten, einem rückläufigen Wertschöpfungsanteil und einem sinkenden Arbeitskräfteeinsatz, eine neue Orientierung finden. "In den Betrieben herrscht ein Gefühl wachsender Überforderung, wie eine Befragung der LK Österreich zeigt. Die größten Probleme stellen die Arbeitsbelastung, die unsichere wirtschaftliche Zukunft, hohe finanzielle Belastungen und die Bürokratie dar. Etwa 25% werden wahrscheinlich bis zum Jahr 2025 aufgehört haben. Diversifizierte Betriebe haben dabei eine optimistischere Perspektive als Marktfrucht- und Forstbetriebe oder Winzer", zeigte Josef Plank, Generalsekretär der LK Ö, auf. Für die Interessenvertretung sieht er dabei den Auftrag darin, "für weniger Betriebe noch besser dienstleisten zu müssen und Chancen aufzuzeigen". Das beginnt bei der Kommunikation, der Spezialisierung bei Beratung und Bildung, neuen Vermarktungsformen und geht bis zur Auslobung von Qualität und Herkunft heimischer Produkte in allen Absatzkanälen inklusive Systemgastronomie und Großküchen. "Eine Branchenorganisation soll dabei helfen, die bäuerlichen Erzeuger in ihrer Sandwichposition zwischen vorgelagertem Bereich und Handel zu stärken und ihnen einen fairen Anteil an der Wertschöpfungskette zu sichern", so Plank.

Branchenverband Obst und Gemüse im Entstehen

Die Umsetzung dieses Branchenverbandes für Obst und Gemüse befindet sich mittlerweile in der Zielgeraden, wie Franz Windisch, Präsident der LK Wien und Vorsitzender des Ausschusses für Sonderkulturen in der LK Ö, ergänzte. Fixiert wurde eine flexible und schlanke Organisationsstruktur, die Rechtsform ist noch offen. Einigkeit herrscht auch über die Zielsetzungen, hier orientiert man sich an den 14 vorgegebenen der EGMO, von denen viele schon angegangen wurden, mit dem Fokus auf den Faktor "Mensch" mit der Harmonisierung der Grundberatung und der Einbindung der Plattform lk-online in die Wissensvermittlung, weiters dem Bereich "Markt", wo es unter anderem um die Verbesserung der Datenquellen, um Umweltmaßnahmen sowie die Entwicklung neuer Produkte geht. Windisch: "Wir dürfen nichts liegen lassen in der Vermarktung." Zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit soll es im letzten, gleichnamigen Punkt eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem vom Handel vorgegebenen Standards geben. Ein weiteres Problemfeld stellt hier auch die Arbeitskräftebeschaffung dar. Windisch zufolge besteht für den Branchenverband eine explizite EU-Ausnahme was die Vernetzung (Stichwort: Wettbewerbsfähigkeit) betrifft, sodass man nicht nur internationale Kontakte knüpfen will, sondern ebenso die Verlinkung mit der heimischen Lebensmittelindustrie ins Auge fasst.

Wie sieht es in der Schweiz und den Niederlanden aus?

In diesen beiden Staaten ist man schon einige Schritte weiter. Bei den Eidgenossen sind die Branchenakteure (VSGP - Gemüsebauern, SWISSCOFEL - Handel und SCFA - Verarbeiter) in der SWISSLEGUMES organisiert, über ständige Arbeitsgruppen werden gemeinsame Branchenziele erarbeitet. Die Kernaufgaben sind Qualitätsnormen sowie die Schaffung und Koordination von Rahmenbedingungen für Importe, der 50 Sorten mit differenzierten Zöllen unterliegen. Dienstleistungsaufgaben wie Markterhebungen, Qualitätskontrollen etc. werden von der SWISSLEGUMES ausgelagert. "Anstehende Herausforderungen für unseren Gemüsebausektor sind der Nationale Aktionsplan Pflanzenschutz, der im Sommer präsentiert wird, und die zunehmende Globalisierung, die Auswirkungen auf unsere bilateralen Freihandelsabkommen hat. Gleichzeitig sehen wir uns mit Protektionismus im Inland, dem Einstieg des Handels in den Anbau und weiteren, ähnlichen Problemen wie die österreichischen Kollegen konfrontiert", informierte Rolf Matter, Geschäftsführer der Schweizerischen Zentralstelle für Gemüsebau und Spezialkulturen.

Dem VSGP selbst gehören 3.000 Erzeuger an, er finanziert sich über freiwillige Mitgliedsbeiträge (Fläche) und hat die Festlegung von Richtpreisen, die Koordination des heimischen Angebots, Markttransparenz, Marketing, Ausbildung und Anbautechniken als Aufgaben. Die 3.000 Gemüseanbaubetriebe bewirtschaften mit 15.000 Arbeitskräften zusammen rund 15.500 ha (1% der agrarischen Nutzfläche), ernten jährlich rund 400.000 t Gemüse (Selbstversorgung 55%) und erwirtschafteten so 2015 einen Produktionswert von 10,1 Mrd. CHF (13%).

Die Niederlande hatten früher eine starke nationale Organisation für die gesamte Wertschöpfungskette Obst und Gemüse, bei der jeder Erzeuger verpflichtendes Mitglied war. Nach der Auflösung durch die Regierung wurde ein neuer Branchenverband gegründet, dem das Obst und Gemüse Haus, der Bauernverband LTO und die Obstbauern NFO angehören. Es ist eine kleine Organisation ohne eigene Mitarbeiter. Projekte durchlaufen eine langwierige Bewilligungsphase, die mit einem einstimmigen Beschluss im Vorstand beginnt und auch der Zustimmung der Regierung bedarf. "Unsere Regierung ist aber viel zurückhaltender gegenüber dem Branchenverband als früher und genehmigt nur wenige Maßnahmen, die möglich wären, etwa das Krisenmanagement, Forschung oder Nachhaltigkeit betreffend", so Ad Klaassen, Generalsekretär der Dutch Produce Association, dem Dachverband der niederländischen Produzenten, dem zwölf Erzeugerorganisationen angehören, davon zwei nicht anerkannte. Man habe kürzlich Kontakt zu Branchenverbänden anderer EU-Staaten aufgenommen, und es gebe Überlegungen, einen EU-Dachverband für den Sektor zu gründen, informierte Klaassen.

Der Verbraucher will "interessant verpackten" Mehrwert

"Mit den neu aufgekommenen Foodtrends ist Essen zu einem Instrument geworden, sich einer Wertegesellschaft anzuhängen", meint Marlies Gruber, forum.ernährung.heute (www.forum-ernaehrung.at, Wien). Allen Trends sei gemeinsam, dass sie Obst und Gemüse begünstigen, auch wenn die absoluten Konsumentenzahlen eher gering ausfallen. Laut einer deutschen Umfrage sind Frische, Gentechnikfreiheit und regionale Herkunft die ausschlaggebenden Kaufkriterien. Die Alltagskompatibilität spielt noch eine eher nachrangige Rolle. Urban gardening-Projekte führen dabei auch zu Bewusstseinsbildung und steigern den Obst-/Gemüse-Konsum, während die Pflege alter Sorten "Exotik aus der Region" bringt. Dem "Superfood"-Trend kann Gruber zufolge mit ebenso wirksamen heimischen Produkten entgegengewirkt werden (Lein- anstelle von Chiasamen), wenn sie in einer "guten Geschichte" verpackt sind. Auch neue Geschmacksrichtungen und Ideen für Convenience-Produkte können dazu führen, dass Obst und Gemüse zwar nicht öfter, aber in größeren Mengen konsumiert werden.

Alternativen mit Breitenwirkung

Die Gesellschaft wird immer mobiler und technologiegestützter in der Wahrnehmung. Zeitersparnis und Bequemlichkeit werden die eigentlichen Treiber im Konsum, wie ein Ausblick der EU-Kommission bis 2015 zeigt. "Für unsere Ernährung bedeutet das eine Koppelung von Essen und Mobilität in diversen Ausformungen (Essens-Automaten, Street-food, steigender Außer-Haus-Verzehr, etc.), wozu Genießertum, Luxusküchen, Hobbyköche u.a. als Gegentrends entstehen werden", erläuterte Christian Jochum, Referatsleiter Agrarmarketing und Sonderkulturen/LK Ö. "Für die Gemüsebranche ergeben sich damit die Chancen, den Marktanteil in bestehenden/neuen Kanälen zu lukrieren oder die Wertschöpfung über den Preis zu erhöhen." Ansätze dazu gebe es etwa in Innovationen im Conveniencebereich, in der Differenzierung über Regionalität, Nachhaltigkeit, Geschmack etc., über die Etablierung neuer Vertriebswege (z.B. Zustellkistl), die Herkunftsauslobung im Außer-Haus-Verzehr, in der Spezialisierung auf vegetarische/vegane Produkte oder die Vorproduktion für den Verarbeitungssektor. Und schließlich sei auch eine Zusatznachfrage von der großen Schar an Migranten in Österreich nicht zu vergessen. "Der heimische Obst- und Gemüsesektor muss noch vielfältiger und marktorientierter werden, ein Branchenverband ist ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen", bekräftigte Jochum.

Handel muss Kunden und seine Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt stellen

Für den Lebensmittelhandel (LEH) bedeutet das, "er muss persönlicher und emotionaler werden und eine bessere Kundenbindung aufbauen", ist Siegfried Pöchtrager, Marketing-Dozent an der Boku Wien, überzeugt. Begründet werde der Wandel durch die Entstrukturierung des Alltags, die Energiekosten und ihre Auswirkungen auf die individuelle Mobilität sowie den Wertewandel der Gesellschaft zum Essen. Daher sieht er für den Onlinehandel im LEH keine großen Zukunftschancen, "denn es gibt eine große Vertrauensschwelle bei Frische-Produkten" - Einkaufen mit allen Sinnen wird präferiert -, dazu kommt das Problem hoher Logistikkosten. "Der Wunsch nach sicheren, authentischen Lebensmitteln und dem sozialen Austausch beim Einkaufen führen zur Rückbesinnung auf "den Greisler an der Ecke". Der Supermarkt wird zum Ort der Begegnung, was Möglichkeiten der flexiblen Flächennutzung etwa durch Kaffeeecken, etc. bietet und zu einem Zusammenwachsen von LEH und Gastronomie mit der Inkludierung von Lebensmittel-Handwerkern (Fleischertheke, Bäckerstube) führen wird. Pöchtrager: "Der Handel wird wieder sozialer werden, im Mittelpunkt wird wieder der Mensch mit seinen Bedürfnissen stehen."

Abschließend wurden mit dem Zeiler Gemüsevertrieb (www.tomaten.at), dem 5er Gemüseland (www.gemüselandtirol.at), dem "Aquaponik"-Projekt der Blün GmbH (Wien) sowie dem Caldera (www.calderamost.at) und Goldkelchen-Cider (www.goldkelchen.at) von Christof Krispl einige Leuchtturmprojekte präsentiert. (Schluss) wol