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10.07.2020

Sinkende Ernteprognosen und gute Nachfrage beflügeln Weizenmärkte

Heimischer Premiumweizen etwas über letzten Preisen alter Ernte - Durum "heiß"

Wien, 10. Juli 2020 (aiz.info). - Sich weiter verschlechternde Ernteprognosen für wichtige Weizenproduzenten wie Frankreich, das Vereinigte Königreich, die USA, Russland, Ukraine und Argentinien sowie starke Weltmarktnachfrage verhalfen den Weizenterminbörsen in den USA und in Europa diese Woche zu kräftigen Kursgewinnen. Hitzestress und Trockenheit, die sich erholende Ethanolproduktion sowie der Sojahunger Chinas bestärkten auch die Mais- und Sojabohnennotierungen an der CBoT in Chicago. Das US-Landwirtschaftsministerium veröffentlicht am Freitagabend den monatlichen WASDE-Bericht zu den weltweiten Versorgungsbilanzen. Die Märkte standen im Vorfeld unter Spannung, wie weit der Report die sinkenden Produktionsaussichten verarbeiten werde und wie sich dies sowie die Folgen von Corona auf der Verbrauchsseite in den Bilanzen und Endlagerschätzungen niederschlagen werde. Die Frage lautet zudem, ob die jüngste Befestigung der Preise nachhaltig sein oder eine global immer noch reichliche Versorgungslage die Stimmung wieder drücken werde.

Am Freitagmittag notierte der September-Weizenkontrakt an der Euronext in Paris mit 188,75 Euro/t, nachdem er zuvor im Wochenverlauf schon einmal kurzfristig ein Sechswochen-Hoch von 189 Euro/t erklommen hatte. Der bereits Lagergeld enthaltende Dezember-Liefertermin kletterte am Freitag auf 189,25 Euro, nachdem er schon in den Vortagen knapp an der 190-Euro-Marke gekratzt hatte. Zu den Schlusskursen vom Freitag vor einer Woche (3. Juli) bedeuten die Kurse vom Freitagmittag einen Wochengewinn von 3,3% für den September- und von 2,7% für den Dezember-Weizenfuture. Soft Red Winter an der CBoT steuerte trotz leichter Verluste vor dem Wochenende sogar auf einen 6%igen Wochengewinn zu.

Kassamarkt in Österreich läuft an - Mühlen fragen nach

Das Kassamarktgeschäft in Österreich beginnt anzulaufen. Händler berichten, Mühlen aus Italien und dem Inland begännen ob der Unsicherheit über die Ernteerträge mit der Rohstoffdeckung. Die Preise bildeten sich in der Ableitung zu den Euronext-Kursen mit durchaus üblichen Prämien. Die Wiener Produktenbörse notierte am Mittwoch dieser Woche als ersten Weizen neuer Ernte Premiumweizen mit 180 bis 185 Euro/t um 1,50 Euro/t über den Preisen alter Ernte und Mahlweizen mit 169 Euro/t um 5 Euro/t darunter. Aus der Ernte 2019 notierte Qualitätsweizen 2,50 Euro/t höher als in der Vorwoche und bei 175 bis 180 Euro/t mit einem deutlichen "Österreich-Bonus" gegenüber Einfuhren aus dem EU-Raum. Diese wurden CPT Niederösterreich mit 172 Euro/t bewertet und enthalten im Gegensatz zu den ab Station notierten heimischen Weizen die Transportkosten bis zum Empfänger.

Durum-Preise bleiben "heiß"

Wie es heißt, seien die Durum-Preise "heiß". Es werden ab Station aus Ungarn Großhandelsabgabepreise von 295 Euro/t kolportiert. Der Absatz von Nudeln und Pasta laufe gut, und man rechne zumindest bis gegen Weihnachten, wenn die Erntedaten aus Kanada entscheiden, ob die Stimmung bullish bleibt oder ins bearishe kippt, mit anhaltend stabilen Verhältnissen.

Derweil wurden im Trockengebiet des Weinviertels erste Weizen gedroschen und sehr zufriedenstellende Premiumweizenqualitäten eingebracht. Am Wochenende soll es dann mit dem Drusch so richtig losgehen. Für einige Braugerste sollen die jüngsten Regenfälle schon zu viel gewesen sein.

Beim Futtergetreide bleibt die Gerstennotierung unverändert gedrückt und gab Mais nach der Befestigung der letzten Wochen unmerklich nach. Neuerntiger Raps notiert in einer laut Händlern plausiblen Ableitung von den am Freitag bei gut 383 Euro/t gelegenen Euronext-Notierungen (Rapsfuture, Liefertermin August) mit 342,50 Euro/t um 4 Euro/t höher als zuletzt der alterntige.

EU exportierte 2019/20 Rekordmenge an Weizen

Die EU exportierte in dem am 30. Juni zu Ende gegangenen Wirtschaftsjahr 2019/20 eine Rekordmenge von 34,596.777 t nativem Weichweizen. Dies übertraf die Vorjahresmarke um 68%. Einschließlich der Ausfuhr von Mehl sowie Durum und Durum-Mehl summierten sich die gesamten Weizenlieferungen in Drittländer auf 36,387.301 t - ein Plus von 65% zur Saison davor. Jüngste offizielle Prognosen sagen allein dem größten Weizenproduzenten und Exporteur der EU, Frankreich, 2020/21 einen Rückgang der Ausfuhren um 43% auf 7,75 Mio. t nach einem Rekord von 13,6 Mio. t 2019/20 voraus.

Ernteprognosen wichtiger Weizenexporteure werden laufend nach unten revidiert

Die jüngsten Revisionen von Ernteprognosen nach unten betreffen etwa Russland, das unter einem mehr als 50%igen Regendefizit leidet. Aktuell pendeln die Schätzungen verschiedener Analysten zwischen 78 und 80,9 Mio. t, wie von Sovecon. Dieser Analyst nahm seine Prognose diese Woche zur vorigen um 1,8 Mio. t zurück. Am Freitag sprach das Moskauer Agrarressort von gar nur mehr 75 Mio. t (Vorjahr: 74,5 Mio. t) Weizen. Die Hektarerträge in der sich vom trockenen Süden in den etwas besser mit Wasser versorgten Norden vorarbeitenden Ernte blieben aber nach wie vor deutlich unter den Erwartungen und Vorjahreswerten. Dennoch wird Russland von allen Analysen 2020/21 als weltgrößter Exporteur von Weizen gesehen, nachdem es 2019/20 von der EU überflügelt worden war.

Frankreich blicke einer um 21% kleineren Weizenernte als vor einem Jahr entgegen. Das Vereinigte Königreich habe seine Weizenfläche wegen widriger Wetterverhältnisse beim Anbau um 25% gegenüber dem Vorjahr und um gut 22% gegenüber dem Fünfjahres-Durchschnitt einschränken müssen. Es werde entsprechend große Mengen Weizen, vor allem noch mehr Brotweizen als üblich, importieren müssen, wenn die Mahlweizenernte von zuletzt 5,7 Mio. t auf vielleicht nicht einmal 4 Mio. t zurückfalle. Dabei rechnen die Märkte mit einer starken Nachfrage der Briten in der EU im kommenden Herbst, weil nach dem Jahreswechsel im Falle eines No Deals mit der EU Importzölle fällig werden könnten. Die Getreidebörse in Rosario reduzierte die Erwartung an die im Winter startende Weizenernte Argentiniens von zuletzt 21 bis 22 Mio. t auf 18 bis 19 Mio. t.

Verknappt sich im Wirtschaftsjahr 2020/21 das Weizenangebot der großen Exportnationen zunehmend, bleibt hinter den Bilanzrechnungen das große Fragezeichen, wie sich die Corona-Pandemie und allfällige weitere Shutdowns auf die Nachfrageseite niederschlagen könnten.

Ägypten jedenfalls kaufte diese Woche aus einer Ausschreibung weitere 230.000 t Weizen zur Lieferung vom 8. bis 18. August. Dabei schlug die staatliche Getreideagentur GASC mehrere Anbote aus Russland zu. Diese waren mit fob-Preisen umgerechnet zwischen knapp und gut 181 Euro/t am günstigsten.

Aus China wurden Maisverkäufe aus den Staatsreserven gemeldet und dafür Preise von umgerechnet rund 240 Euro/t genannt. Dies ist etwa doppelt so viel wie die aktuelle Maisnotierung in Chicago bei knapp 122 Euro/t. (Schluss) pos

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