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19.06.2017

Reisecker: Gutes Halbjahr 2017 für die oberösterreichischen Schweinebauern

Spürbare Preiserholung bei Ferkeln - Vollkostendeckende Erzeugerpreise bei Sauen

Linz, 19. Juni 2017 (aiz.info). - Nach einer langen Durststrecke hat sich bereits Ende 2016 am Schweinemarkt eine deutliche Trendwende abgezeichnet. Das haben auch die letzten Monate bestätigt. Die Preise haben ein Niveau erreicht wie zuletzt vor fünf Jahren. "Nachdem die Schweinehaltung mit einer Wertschöpfung von rund 330 Mio. Euro für die oberösterreichische Landwirtschaft ein ähnlich hohes wirtschaftliches Gewicht hat wie die Milchproduktion, ist es von eminenter Bedeutung, dass die Schweinebauern wirtschaftlich erfolgreich arbeiten können. Umso erfreulicher ist es, dass aus derzeitiger Sicht 2017 ein gutes Jahr für sie werden dürfte. Ein Preisvorsprung von zirka 26% beim Mastschwein und von 32% beim Ferkel gegenüber dem Vorjahrespreis im ersten Halbjahr stärkt den Optimismus", erläutert LK-Präsident Franz Reisecker.

In Oberösterreich werden aktuell in rund 6.200 bäuerlichen Betrieben rund 1,1 Mio. Tiere gehalten, davon 96.000 Muttersauen (39% des bundesweiten Bestands). Bei Zuchtsauen sind es 40,5%. Oberösterreich ist damit das mit Abstand produktionsstärkste Bundesland. Für etwa 2.500 Landwirte ist die Schweinehaltung die Haupteinkommensquelle. Davon ist etwa je ein Drittel spezialisiert auf Ferkelerzeugung, ein Drittel auf Mast, und ein Drittel sind Schweinehalter, die die am Betrieb erzeugten Ferkel selbst mästen.

"Eine Periode, in der die Ferkelpreise die gesamten Vollkosten der Produktion abdecken, ist für die Landwirte geradezu lebensnotwendig. Diese Hoffnung wird durch die Markt- und Preisentwicklungen in den ersten Monaten gestärkt", betont Johann Stinglmayr, Leiter der Beratungsstelle für Schweineproduktion. Eine EU-weit sehr gute Nachfrage bei gleichzeitig knappem Angebot hat die Preise deutlich steigen lassen. Im langjährigen Vergleich nimmt 2017 preismäßig bisher einen Spitzenplatz ein, was auch die Zuversicht bei den Betriebsleiterfamilien stärkt. Das nachhaltige Vertrauen in die Wirtschaftlichkeit von Investitionen zur Betriebsentwicklung ist jedoch bei den Bauern noch nicht zurückgekehrt.

Angebotssituation wird 2017 knapper ausfallen - Nachfragesituation steigt wieder

Nachdem die schwierige Marktlage seit 2015 zu einer Verringerung der Ferkelhaltung geführt hat, wie die regionale Viehzählung zeigt, ist davon auszugehen, dass das Ferkelangebot in der EU heuer um bis zu 3% niedriger ausfallen wird als im Vorjahr. Ebenso ist wieder mit typisch jahreszeitlichen Angebotsschwankungen zu rechnen. Das knappe Angebot im ersten Quartal führt zu einer Steigerung, die im Juli ihren Höchststand erreichen dürfte. "Absolut gesehen werden aber die hohen Ferkelmengen der Vorjahre nicht erreicht werden. Auch in den Hochburgen der Ferkelerzeugung - in Holland und Dänemark - wird das Ferkelangebot das gesamte Jahr über geringer als in den beiden Vorjahren ausfallen", erläutert Stinglmayr.

Nachfrageseitig hat es in den vergangenen Monaten in Österreich und der EU eine deutliche Belebung gegeben. Nicht zuletzt wegen der ebenfalls sehr erfreulichen Entwicklungen beim Schlachtschweinepreis wurden freiwerdende Mastplätze rasch wieder belegt. In den ersten fünf Monaten 2017 war die Nachfrage daher größer als das Angebot. Traditionell sinkt sie jahreszeitlich bedingt nun in ganz Europa und erreicht etwa zur Jahresmitte ihren Tiefststand. In dieser Phase wird das tatsächliche Nachfrageverhalten ganz wesentlich von der Stimmung und dem Vertrauen der Mäster in ihren Betriebszweig abhängig sein. Die Einschätzungen der Fachleute gehen nach wie vor von einem guten Schlachtschweinemarkt in dieser Zeit aus.

Nach einer sehr guten Absatz- und Preisentwicklung in den ersten Monaten rechnen die Experten in den nächsten Wochen - wie jedes Jahr - mit einer ausgeglichenen bis schwierigen Absatzlage. Die Chancen für einen deutlich abgeschwächten Markt- und Preisdruck über den heurigen Sommer und Herbst stehen demnach gut. Unsicherheitsfaktor bleibt aber gerade für diesen Zeitabschnitt neben der Weltmarktlage die Entwicklung der Futterpreise und insbesondere die Notierungen für Mais.

Für die weitere Entwicklung der Ferkelproduktion entscheidend wird der Verlauf der Sauenbestände und Produktionszahlen in den europäischen Hauptproduktionsregionen sein. Üblicherweise kam es bislang in einer wirtschaftlich guten Phase zu einer regen Investitionstätigkeit mit Bestandesausweitungen, die oftmals mit hohem Fremdkapital und weitgehend ohne Rücksicht auf Ressourcen und Umwelt bewerkstelligt wurden. Die inzwischen restriktiven EU-Auflagen für die Schweinehaltung hinsichtlich des Ammoniakausstoßes könnten gerade in diesen Staaten zu einem deutlich abgeschwächten Mengenwachstum führen, womit eine stabilere Ferkelmarktphase über 2017 hinaus sehr wahrscheinlich wäre.

Schweinemast: Vollkostendeckende Erzeugerpreise

Die letzte Schweinekrise von Mitte 2014 bis Mitte 2016 hat die Mastbetriebe hart getroffen, aber seit Juli 2016 läuft der Markt wieder in vernünftigen Bahnen und es macht sich wieder Optimismus breit. Die fleischverarbeitende Industrie sieht diese Entwicklung naturgemäß anders, da das Umsetzen der gestiegenen Rohstoffpreise beim LEH schwierig ist.

Sowohl Ferkelerzeuger als auch Schweinemäster können mit den aktuellen Preisen (Ferkel-Basispreis 2,90 Euro/kg - d. h. 95 Euro inkl. MwSt. je Stück; Mastschweine 1,66 Euro/kg - also 198 Euro inkl. MWSt. je Durchschnittsschwein) sehr zufrieden sein. Daraus ergibt sich für die Mäster ein Deckungsbeitrag von rund 30 Euro/Mastschwein im Durchschnitt bis zur 20. Woche. Zielgröße für eine rentable Schweinemast sind zumindest 25 Euro. "Im Schnitt der letzten zehn Jahre wurden lediglich 17 Euro Deckungsbeitrag eingefahren. Das heißt, Schweinebauern haben aktuell die Chance, sich von den zurückliegenden Krisenjahren etwas zu erholen oder entsprechend vorzubauen für schwierige Zeiten, die eines Tages auch wiederkommen werden", betont Johann Schlederer, Geschäftsführer des Verbandes der landwirtschaftlichen Veredelungsproduzenten.

Beim Versuch zu erklären, warum heuer ein Schlachtschwein um 45 Euro mehr kostet als Anfang Mai 2016, gelangt man zwangsläufig zum Begriff "Schweinezyklus"- der zyklischen Abfolge von ertragreichen oder verlustreichen Perioden, in deren Folge die Produktion ausgeweitet beziehungsweise eingeschränkt wird. Am Weltmarkt hat der "Schweinezyklus" seine Rhythmik von vor 1996 verloren, weil nun viele oft gegensätzlich wirkende Faktoren Einfluss nehmen. Beispielsweise trägt die gute Nachfrage aus Asien, zur guten aktuellen Marktlage auf der Absatzseite bei. Speziell Spanien, Deutschland sowie Dänemark nützen dieses Exportventil und entlasten damit den Binnenmarkt. Entscheidend für das Marktgleichgewicht sind aber auch die jeweiligen Verhältnisse auf der Angebotsseite.

Schlechte Zeiten stoppten EU-Wachstum

Das Preistief von Ende 2015 bis Mitte 2016 bewirkte in den meisten EU-Ländern einen Abbau der Sauenbestände, womit trotz steigender Ferkelzahlen je Zuchtsau das Wachstum der EU-Schweinefleischproduktion zum Stillstand gekommen ist. Die Schlussbilanz der EU-Kommission für 2016 fiel zwar mit einem Plus von 0,6% bei den Schlachtungen immer noch positiv aus, im Vergleich zu Vorjahren allerdings bescheiden. 2017 sollen sich laut Prognose die Schlachtzahlen mindestens um 1% verringern. Dies wären klare Vorzeichen für erzeugerfreundliche Preise auch im zweiten Halbjahr.

Fleischindustrie aktuell in der Zange

Wie sehr die binnen weniger Monate gravierenden Preisveränderungen den Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette zusetzen können, zeigt Schlederer am Beispiel der Wurstfabriken auf: "In Österreich beschweren sich namhafte Branchenvertreter seit Monaten über die gestiegenen Rohstoffpreise, ein Traditionsbetrieb in Wien hat unter anderem deswegen die Produktion eingestellt. In Deutschland gab es in den letzten Wochen gleich mehrere Insolvenzen und Übernahmen. Offensichtlich waren viele Unternehmen nicht in der Lage, die Volatilität des Marktes richtig einzuschätzen. Denn hätte man die überraschend gute Ertragslage aufgrund des billigen und phasenweise unglaublich billigen Rohstoffes für Rücklagen und Vorsorge für 'schlechtere Zeiten' genützt, wären die wirtschaftlichen Probleme jetzt nicht so groß. Viel mehr hat man sich aus falsch verstandenem Kampf um Marktanteile großzügig dem LEH unterworfen und seine Waren zu Dumpingpreisen verkauft."

Konsumenten bevorzugen heimisches Schweinefleisch

Beim Einkauf greifen Österreichs Konsumenten am liebsten zu heimischem Schweinefleisch: Im LEH ist daher fast ausschließlich österreichische Ware zu finden - 40% davon trägt das AMA-Gütesiegel. In Gastronomie und Großküchen wird aber noch immer ein hoher Anteil importierten Schweinefleisches verarbeitet. Mit der Novelle des Bundesbeschaffungsgesetzes 2015, in der das "Best- statt Billigstbieter"-Prinzip verankert wurde, können nun auch öffentliche Einrichtungen bei der Beschaffung wesentliche Qualitätskriterien wie Regionalität, Frische und Nachhaltigkeit mitberücksichtigen. "Gerade in Spitälern oder Altenheimen erwartet sich die LK, dass verstärkt nach dem Bestbieterprinzip eingekauft wird. Auch in der Gastronomie sollte nach Schweizer Vorbild durch entsprechende Deklaration auf der Speisekarte über die Herkunft des Fleisches informiert werden", so die Forderung von Präsident Reisecker.

Änderungen in der Tierhaltungsverordnung - Neue Abferkelbuchten entwickelt

Im Laufe des Jahres tritt die Änderung der 1. Tierhaltungsverordnung in Kraft. Für die Schweinehalter bedeutet dies, dass die Kastration nur mit Schmerzmittelgabe durchgeführt werden darf, gleiches gilt für das Schwanzkupieren, und beim Beschäftigungsmaterial für die Tiere sind weitgehend nur organische Materialien erlaubt. Auch an neuen Abferkelbuchten wird gearbeitet, die dem Muttertier mehr Bewegungsfreiheit bieten. In Kürze soll ein Endbericht vorliegen, der als Entscheidungsgrundlage dem Gesundheits- und dem Landwirtschaftsministerium vorgelegt wird.

"Die Gesundheit und das Wohl der Tiere sind unseren Landwirten ein großes Anliegen. Jedoch ist bei allen Maßnahmen darauf zu achten, dass die Wirtschaftlichkeit erhalten bleibt. Zu hohe Auflagen würden dazu führen, dass viele Schweinehalter ihre Produktion aufgeben würden und der Eigenversorgungsgrad sinkt. Bei Importware kann die Qualität aber nicht derart lückenlos überprüft werden, wie bei heimischer Produktion", ist Reisecker überzeugt. (Schluss)

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