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15.03.2019

Nach einer Woche auf und ab: Finden Weizennotierungen ihren Boden?

Short-Abdeckungen und Anspringen des Exportmotors der EU hellen Stimmung auf

Wien, 15. März 2019 (aiz.info). - Nach einer Woche von wildem Auf und Ab an den internationalen Weizenterminbörsen fragen sich die Marktbeteiligten, ob die Weizennotierungen nun ihren Boden gefunden hätten. Am Montag starteten die Weizenfutures an der CBoT in Chicago mit einem Dreizehnmonate-Tief und die an der Euronext in Paris auf dem niedrigsten Level seit neun Monaten. Am Dienstag legte der CBoT-Weizen dann mit einem Tagesgewinn von 5% den größten Preissprung der letzten sieben Monate hin und der neue Fronttermin Mai an der Euronext folgte mit immerhin noch 1,7%. Am Mittwoch setzte sich Paris aufgrund einer Aufhellung der Exportstimmung in der EU sogar mit weiteren Gewinnen von einem neuerlichen Einknicken Chicagos ab, und am Donnerstag verbuchten beide Börsen neuerliche Kursgewinne. Während der Motor der Weizenexporte mit der Erlangung konkurrenzfähiger Preise in der EU angesprungen zu sein scheint - dies bestätigten auch der aktuelle WASDE-Report des US-Landwirtschaftsministeriums USDA und die französische Getreidebehörde FranceAgriMer -, stottert der der US-Weizenexportbranche nach wie vor.

Allerdings werden an den Terminbörsen die netto extrem short gegangenen Fonds zunehmend nervös und beginnen ihr Risiko mit dem Überhang an offenen Verkaufspositionen durch Zukäufe - auch unter Ausnutzung der aktuellen "Schnäppchenpreise" - abzubauen. Dieses sogenannte Short-Covering bringt Börsennotierungen nach einem Absturz gleichsam in einer systembedingten Gegenreaktion wieder in die Höhe. Am österreichischen Kassamarkt ist der Geschäftsfluss weitgehend zum Erliegen gekommen und die Reihe der Notierungen am Kursblatt der Wiener Produktenbörse lichtete sich am Mittwoch zusehends. Von den verbliebenen Notierungen gaben vor allem die der Brot- und Futterweizen nunmehr doch spürbar nach. Dies trifft auch auf die Einfuhren von Weizen aus dem EU-Raum für Spezialanwendungen wie die Keksweizen sowie auf solche der bisher ungewöhnlich fest notierten Futtergerste zu.

Den Freitagshandel startete der Mai-Mahlweizenkontrakt an der Euronext leicht im Minus bei 187,25 Euro/t, nachdem auch der vorbörsliche nächtliche Onlinehandel in Chicago rote Vorzeichen aufwies. Der für die kommende Ernte 2019 und auch für viele Preisabsicherungsmodelle die Basis für die Ableitungen darstellende Dezember-Kontrakt an der Euronext notierte am späten Freitagvormittag mit 179,50 Euro/t. Analysten sehen in solchen Kursverlusten an Terminbörsen zum Abschluss von Wochen mit Netto-Zugewinnen ein typisches Anlegerverhalten, vor dem Wochenende noch Kursgewinne der Vortage zu versilbern und einzustreifen. Am Freitagnachmittag drehten dann der vorbörsliche Handel an der CBoT und der Pariser Mai-Weizenkontrakt leicht ins Positive.

Viele am falschen Fuß getroffen: Rekord an physischer Erfüllung von Euronext-Märzweizen

Die jüngsten Kursstürze trafen offensichtlich zahlreiche Marktteilnehmer am falschen Fuß: Nach Auslaufen des März-Mahlweizenkontrakts am Montag dieser Woche vermeldete die Euronext, dass eine Rekordzahl von 3.515 offenen Positionen davor nicht glattgestellt worden war und nunmehr zur Erfüllung dieser Lieferverpflichtungen 175.750 t an die Silos der Erfüllungsorte Rouen und Dünkirchen physisch angeliefert werden müssen. Der bisherige Rekord 2.360 offener Kontrakte und einer physischen Erfüllung mit 118.000 t datiert aus dem März 2011.

EU-Weizenexport angesprungen - Lager schmelzen - US-Endbestände schwellen dagegen an

Die unterschiedlichen Stimmungslagen der Weizenexporteure in den USA und in der EU brachte erstmalig der vergangenen Freitag veröffentlichte monatliche WASDE-Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums zu den weltweiten Getreideversorgungsbilanzen auf den Punkt: Demnach hebt das USDA bei Weizen und Mais insbesondere für die USA die Endbestandsprognosen an. Es senkt bei beiden Getreidearten den Inlandsverbrauch der USA - an Mais vor allem für die Ethanolerzeugung - und auch den Export. Die EU soll dagegen für den Rest des Wirtschaftsjahres 2018/19 mit den Weizenpreisen so wettbewerbsfähig geworden sein, dass die Ausfuhren nunmehr mit 23 Mio. t um 1 Mio. t höher als im Februar angesetzt werden. Der WASDE-Bericht hebt zwar binnen Monatsfrist die Weizenendlager der Welt um 3 Mio. t auf 270,53 Mio. t mit einer komfortablen Ratio von stock to use bei 36,46% an, wobei sich die Bestände aber immer noch erstmalig seit 2012/13 reduzieren und vor allem bei den größten Exporteuren (Argentinien, Australien, EU und Kanada) mit Ausnahme der USA um 6,84 Mio. t und stärker als bisher angenommen auf 13,47% deren Verbrauchs abschmelzen. Die EU-Weizenendlager 2018/19 schätzt der Report nunmehr mit 10,43 Mio. t oder 8,38% des Binnenverbrauchs um 800.000 t niedriger als im Februar.

Nachfrage nach EU-Weizen reduziert Preisabstand zu neuer Ernte und kreiert Steigerungspotenzial

Die Analyse "Strategie Grains" des französischen Prognosespezialisten Tallage spricht von einer "Preisschlacht" zwischen den Weizenanbietern aus den USA und in der EU, um gegenüber den bisherigen Preisführern Russland und Ukraine wettbewerbsfähig zu werden und am Weltmarkt ins Geschäft zu kommen. Der Preisabstand für Weizen der alten Ernte 2018 und der neuen 2019 habe sich in den vergangenen Wochen von zuvor 20 Euro/t auf gut 10 Euro/t verringert, wodurch sich auch die preisdrückende Wirkung der neuen auf die alte Ernte vermindere. Das generell niedrigere Preisniveau und die dadurch angesprungene Nachfrage aus der tierischen Veredelung und im Export - insbesondere in Frankreich -, verbunden mit dem Abbau von Beständen, habe nunmehr ein Potenzial für Preissteigerungen bei der alten Ernte 2018 kreiert. Zur Ernte 2019 sieht Strategie Grains eine Erholung der EU-Weichweizenproduktion nach der Dürre im Vorjahr von 127 auf 146,1 Mio. t. Damit sollen auch die Endbestände 2019/20 um 4,1 Mio. t auf 14,9 Mio. t, aber immer noch auf "bescheidene" 12,3% des Binnenverbrauchs anwachsen.

Den Deckel setzen den Preisen nach übereinstimmenden Aussagen zahlreicher Marktanalysen noch immer die Aussichten auf wachsende Ernteerträge 2019/20 auf. Angemerkt wird allerdings, dass die Nervosität der massiv auf fallende Preise setzenden spekulativen Anleger an den Terminbörsen so hoch ist, dass schon kleinere Wetterkapriolen die Flucht aus den Verkaufspositionen und massive Shorteindeckungen einhergehend mit Kursanstiegen auslösen könnten.

Exportmotor Frankreichs angesprungen - EU holt bei Ausfuhren auf - US-Zahlen enttäuschen

Die französische Getreidebehörde FranceAgriMer hob diese Woche ihre Prognose für die Weizenausfuhren Frankreichs in Drittländer gegenüber dem Vormonat um 7% von 8,85 Mio. t auf 9,5 Mio. t an. Auch die Weizenverbringungen innerhalb der EU sollen die bisherigen Annahmen übertreffen. FranceAgriMer bezeichnet diese Exportprognose selbst als "konservativ", da die nunmehr attraktiven Exportpreise das Ergebnis letztlich noch höher ausfallen lassen könnten. Demnach seien in französischen Häfen im März schon 632.000 t Weizen für Drittland-Destinationen verladen worden, nachdem man es im ganzen Februar auf 702.000 t gebracht hat.

Das Anspringen des Exportmotors zeigen auch die Zahlen der EU-Kommission für die ersten 37 Wochen des Wirtschaftsjahres bis 11. März 2019: Demnach führte die Union bis dahin 12,531 Mio. t Weichweizen aus und holte bis auf 11% auf die Vorjahresergebnisse auf, nachdem man die Woche zuvor noch um 16% und zu Jahresbeginn sogar um mehr als ein Viertel dahinter gelegen war. In der 37. Woche waren 268.487 t frischer Weizenausfuhren hinzugekommen. Diese Woche sollen Lieferanten aus Westeuropa - vornehmlich Frankreich - maßgeblich bei einer Weizenausschreibung Algeriens über 450.000 t zum Zug gekommen sein. Agenturmeldungen kolportierten dafür Preise zwischen 230 und 235 USD/t (203,63 bis 208,06 Euro/t) c&f, also einschließlich Fracht. Ein Zuschlag Tunesiens von 92.000 t Weizen solle ebenfalls an Westeuropa gegangen sein.

Die attraktiven Preise französischen Weizens gehen aus dem Preisvergleich der Kommission zum Stichtag 13. März hervor: Da kostete dieser fob Rouen bei einem Kurs des Euros von 1,1303 USD umgerechnet 217 USD/t (-1 USD zur Vorwoche), während Schwarzmeer-Weizen mit 225 USD/t (-7 USD zur Vorwoche) veranschlagt war. Soft Red Winter aus den USA führt die Kommission mit 205 USD/t (-3 USD zur Vorwoche) an. Die höheren Transportkosten über den Atlantik werfen aber US-Anbieter trotz ihrer Kampfpreise für den reinen Warenwert gegenüber den näher gelegenen Europäern zurzeit auf dem nordafrikanischen Markt aus dem Rennen.

So vermeldete das USDA für die Woche bis 7. März enttäuschende Nettoverkäufe von 263.000 t US-Weizen für das laufende und von 83.000 t für das kommende Wirtschaftsjahr. Gegenüber den in Summe 346.000 t hatten US-Analysten Verkäufe von 450.000 bis 750.000 t erwartet. Agenturen schreiben dieser Tage, den Amerikanern machten überraschenderweise Lieferanten vom Schwarzmeer jüngst angestammte Weizenexportmärkte in Südost- und Ostasien abspenstig. Diese Region ist das größte Weizenzuschussgebiet weltweit.

Heimischer Kassamarkt vollzieht internationale Preiseinbrüche der vergangenen Woche nach

An der Börse für landwirtschaftliche Produkte in Wien vollzogen die heimischen Kassamarktnotierungen am Mittwoch die Preiseinbrüche an den internationalen Terminmärkten nach. Die Notierung von Premiumweizen sank im Mittel des Preisbandes um 4,50 Euro/t auf 186 bis 195 Euro/t, wobei vor allem die untere Notierung verlor. Mit Spannung blickt man nun auf die weitere Entwicklung der Terminbörsen und auf die neue Ernte. Hier sei vor allem interessant, wie sich die Wasserversorgung der Kulturen im Frühjahr gestalten werde und wie sehr die weitere Exportentwicklung die Anfangsbestände in der kommenden Saison eindampften.

Nach unten ging es auch mit den Maisnotierungen - sowohl für Futtermais als auch für Industriemais. Diese sank um 3 Euro/t auf 148 Euro/t. Gerade die Industriemaispreise, wo Einfuhren aus dem EU-Raum um ganze 10 Euro/t höher bewertet werden, sorgen für etwas Verwunderung. Möglicherweise seien heimische Lagerhalter angesichts der jüngsten Marktschwäche nervös geworden und auf den Markt gedrängt, heißt es. Denn an und für sich dürfte die inländische Produktion nicht einmal für den Anschluss an die neue Ernte ausreichen.

März-WASDE-Bericht senkt Welt-Weizenproduktion und -verbrauch 2018/19

In der weltweiten Weizenbilanz senkt der WASDE-Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums USDA gegenüber dem Vormonat die Weizenproduktion um 1,75 Mio. t - vornehmlich wegen Korrekturen für Kasachstan und den Irak - und in noch größerem Ausmaß von 5,14 Mio. t den Verbrauch. Das Verbrauchsminus geht vor allem auf das Konto eines für Indien um 3 Mio. t auf 95 Mio. t nach unten gesetzten Weizenkonsums. Der mit 99,7 Mio. t Weizenernte global zweitgrößte Produzent ist aber mit Ausfuhren von 500.000 t und Einfuhren von 200.000 t praktisch nicht relevant für den Weltmarkt.

Beim Mais hebt das Washingtoner Ressort die weltweite Ernte 2018/19 um 1,55 Mio. t und den Verbrauch um 3,15 Mio. t an. Daraus resultiert eine um 1,6 Mio. t erhöhte Bestandsminderung von 32,63 Mio. t, wohingegen in den USA der Abbau nunmehr um 1,54 Mio. t geringer ausfallen soll. Die EU müsse demnach 21,5 Mio. t Mais und sogar noch um 500.000 t mehr Mais - vornehmlich aus der Ukraine - einführen als bisher prognostiziert, um ihren Bedarf decken zu können. Dabei bedeuten 6,74 Mio. t Endlager einen Anteil von nur 8,02% am Verbrauch.

Nur unbedeutend verändert zum Vorbericht berechnet das USDA die globalen Ölsaaten- und Sojabohnenbilanzen. Hier wachsen die Endbestände an, bei den Sojabohnen insbesondere in den USA mit einem Anschwellen um 105,55% gegenüber 2017/18. (Schluss) pos

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