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22.11.2019

Grünlandbauern: Volkswirtschaftliche Bedeutung der Landschaftspflege fair abgelten

Experten diskutierten über alternative Finanzierungsformen in der Steiermark

Grundlsee, 22. November 2019 (aiz.info). - Die Engerlingplage traf die Bauern rund um den Grundlsee (Stmk.) heuer besonders massiv. Ein weiterer Rückschlag für die Region, in der es nur noch 24 landwirtschaftliche Betriebe - zumeist mit Mutterkuhhaltung - gibt, die mit der Bewirtschaftung der Grünlandflächen aber eine wesentliche Rolle für das Landschaftsbild in dem beliebten Tourismusgebiet spielen. Die Landwirtschaft ist in diesem Teil des Salzkammerguts besonders kleinstrukturiert, die größeren Betriebe haben hier um die 10 ha. In dem lang gestreckten Tal, das an drei Seiten von den rund 1.000 m aufragenden Ausläufern des Toten Gebirges umrahmt wird, haben die zumeist Nebenerwerbsbauern so gut wie keine Möglichkeit, ihre Flächen aufzustocken oder ihr Einkommen zu verbessern. Vielen potenziellen Hofnachfolgern fehlt es deshalb an Optimismus und Perspektiven, den meist über Generationen geführten Betrieb zu übernehmen. Mit der Wahl von Bad Ischl und 20 anderen Gemeinden des Salzkammerguts zur Kulturhauptstadt Europas 2024 erwarten sich die Lokalpolitiker aber einen besonderen Boost.

Dem Bürgermeist der Gemeinde Grundlsee, Franz Steinegger, schwebt etwa ein Crowdfunding-System in Form eines Landschaftsfonds vor, in den freiwillige Unterstützer einzahlen und Landwirte für die Landschaftspflege etwa einen halben Monatslohn daraus erhalten. "Ich denke, die Zeit ist reif für so eine Art der Finanzierung. Dabei steht der Tourismus besonders in der Verpflichtung, die Gemeinde Grundlsee als besonderes Kulturjuwel zu erhalten", erklärte Steinegger gegenüber einer Gruppe von österreichischen Agrarjournalisten. Als Kulturhauptstadt sieht er die Möglichkeit, das Problem auf eine europäische Dimension zu heben und Modell für andere Regionen Europas zu werden.

Brauchen mehr Kraft in der Regionalentwicklung

Auch Thomas Guggenberger, Leiter des Instituts für Nutztierforschung an der Versuchsanstalt Raumberg-Gumpenstein, hält Transferleistungen für Dienste wie etwa Landschaftspflege für einen guten Ansatz. "Hier ist der Hebel anzusetzen. Es ist nur eine Frage des Bewusstseins, mit dem die Leute in entwickelten Ländern durchaus bereit wären, mehr für gesellschaftliche Leistungen durch die Bauern zu bezahlen", so Guggenberger. In dem geografisch begrenzten Raum rund um den Grundlsee würden sich grundsätzliche demografische Fragen auftun, wie etwa, ob die jungen Menschen einen Partner finden. "Wir brauchen viel mehr Kraft in der Regionalentwicklung, damit Täler nicht entvölkert werden", sagte Guggenberger.

Die Grünlandwirtschaft betrachtet der Wissenschafter auch in Zukunft als eine chancenreiche und krisenfeste Form der Landwirtschaft. In Klimaforschungsanlagen untersuchen Experten der Versuchsanstalt Raumberg-Gumpenstein etwa die Auswirkungen von 2 und 4 °C höheren Temperaturen sowie gesteigerten CO2-Gehalten auf das Grünland. Die Ergebnisse fließen in die Züchtung neuer Sorten ein. Vorrangiges Ziel sei eine standortgerechte Landwirtschaft.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels

Franz Titschenbacher, Präsident der Landwirtschaftskammer Steiermark, sieht in der Erhaltung landwirtschaftlicher Betriebe in benachteiligten Gebieten einen gesellschaftlich-politischen Auftrag. "Es gibt dazu bis jetzt kaum Lösungsansätze. Fakt ist, dass das Offenhalten der Flächen aber einen wesentlichen Wert für den Tourismus und somit die Gesellschaft darstellt", so Titschenbacher. Ein Fonds ist für den Präsidenten aber keine Lösung. Es sei Aufgabe der Politik, den Bauern Perspektiven zu geben. Vor dem Hintergrund der neuen Förderperiode 2021 bis 2027 müssten deshalb auch künftig erschwerte Bedingungen in den Berggebieten in Form einer Ausgleichszulage abgegolten werden.

Der Strukturwandel habe sich laut Titschenbacher in der Steiermark zwischen 1995 und 2015 leicht verlangsamt. Gaben im Zeitraum 1975 bis 1995 im Durchschnitt jährlich rund 1,9% landwirtschaftliche Betriebe auf, so waren es von 1995 bis 2015 zirka 1,5%. "Es wird in der Steiermark Betriebe geben, die sich in der Größe entwickeln und solche, die die Chance der Diversifikation, wie etwa mit Urlaub am Bauernhof, nutzen, um zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften", so Titschenbacher, der selbst erst ein altes Stallgebäude in modern ausgestatte Gästezimmer und Appartements umgewandelt hat.

Ein bis jetzt noch eher unkonventionelles Beispiel für Diversifikation in Österreich ist Alpakazüchter Thomas Pötsch, der vor 12 Jahren seine Milchkühe gegen die Tiere aus der Familie der Kamele getauscht hat - und mit Erfolg, wie er beteuerte. "Wir haben viel weniger Arbeit und gleichzeitig mehr Einkommen", erklärte Pötsch, der aktuell 75 Alpakas für die Zucht und Fasergewinnung in Wörschachwald mit Blick auf den Grimming hält. Als Präsident der österreichischen Alpakazüchter holte er auch den Welt-Alpaka-Kongress nach Österreich, der von 18. bis 21. Februar 2021 in Graz stattfinden wird.

Einsteiger mit romantischer Motivation

Aus der Landgenossenschaft Ennstal würden jährlich 2,5 bis 2,7% der Mitglieder aus der Milchproduktion aussteigen, sagte Obmann Hermann Schachner. Seit rund fünf Jahren sei zu beobachten, dass Enkelkinder zum Teil aus einer romantischen Motivation heraus wieder in die Milchviehwirtschaft einsteigen, von denen einige nach ein paar Jahren aber wieder damit aufhören. "Viele Bauern hier sind aber Idealisten, die diese Einstellung auch der nächsten Generation vorleben", so Schachner.

In einer Studie des Instituts für Soziologie der Universität Graz gab die Mehrheit der Befragten an, dass sie wieder Bauer werden würden, wenn sie die Wahl hätten. Der "große Schmerz" sei aber, dass sie für ihre guten Produkte zu wenig bezahlt bekommen, erläuterte Studienautor Franz Höllinger. Für eine erfolgreiche Betriebsübergabe sei nicht unbedingt die Größe entscheidend, sondern welche Einstellung sie von ihren Eltern zur Landwirtschaft vermittelt bekommen. (Schluss) hub

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