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30.07.2020

EU-27: Weizenproduktion sinkt unter Vorjahreswert

Russland verdrängt Europäische Union als wichtigsten Weizenexporteur

Wien, 30. Juli 2020 (aiz.info). - "Die Europäische Kommission erwartet für das heurige Jahr mit zirka 123,8 Mio. t eine deutlich geringere Weizenernte als im Vorjahr (-10,5%). Sowohl die Anbaufläche (-4,5%) als auch die Hektarerträge liegen unter den Werten der vorangegangen Saison. Trotz einer höher erwarteten Maisernte (+3,6%) sinkt die EU-Getreideproduktion um 4,0%", informierte Christian Gessl, zuständiger Abteilungsleiter der AMA, heute im Rahmen der Getreide-Erntebilanz.

"Auf insgesamt 52,5 Mio. ha wurde in der EU heuer Getreide angebaut, wobei Roggen (+4,5%) und Gerste (+1,8%) die stärksten Flächenzuwächse verzeichneten. Innerhalb Europas konzentrieren sich die zu erwartenden Produktionsrückgänge auf Frankreich, Rumänien, Ungarn und Deutschland. Durchschnittliche Wetterbedingungen mit gut verteilten Niederschlägen und wenigen Hitzeperioden begünstigen die Ernteaussichten, verzögern jedoch den Erntefortschritt in den nördlichen Anbaugebieten", so Gessl.

EU-Versorgungslage - geringere Exporte, komfortable Lagerbestände

Aufgrund der geringer prognostizierten Getreideernte in Höhe von 282,3 Mio. t geht die EU-Kommission von sinkenden Exporten aus. Die EU-Ausfuhren erreichten im Vorjahr (52,6 Mio. t) das größte Ausmaß seit fünf Jahren. Für heuer wird einerseits aufgrund der geringeren Weizenernte und andererseits wegen der stärkeren Konkurrenz durch Russland sowie Australien mit einem deutlich gesunkenen Exportprogramm gerechnet (41,0 Mio. t). "Die EU wird als wichtigster Weizenexporteur von Russland verdrängt", teilte Gessl mit. Die Europäische Kommission erwarte eine gute Versorgungslage 2020/2021 für den europäischen Getreidemarkt mit weiterhin hohen Lagerbeständen in Höhe von 49,0 Mio. t.

EU-Ölsaaten - Zweites Jahr in Folge Produktionseinbruch bei Raps

Die europäische Rapsernte sinkt das zweite Jahr in Folge deutlich unter den Durchschnittswert und erreicht voraussichtlich 15,4 Mio. t. Bedingt durch schwache Erträge, liegen die zu erwartenden Produktionsrückgänge in den Hauptanbaugebieten Frankreich und Deutschland um zirka 30% unter dem mehrjährigen Durchschnitt. Wesentlich positiver stellen sich die Ertragsaussichten für Sonnenblume und Sojabohne dar. Bei beiden Kulturarten wurde die Anbaufläche ausgedehnt, berichtete Gessl. Insgesamt wird die EU-Ölsaatenerntemenge auf rund 28,9 Mio. t geschätzt und liegt somit unter dem Durchschnitt der letzten Jahre.

Getreidemarkt weltweit: Neuer Rekord der globalen Getreideproduktion

"Der Internationale Getreiderat (IGC) erwartet im heurigen Jahr einen Rekord der Getreideproduktion von 2,225 Mrd. t. Die weltweite Maisernte (1,164 Mrd. t) übertrifft erstmals seit vier Jahren den bisherigen Rekord aus 2016, während die Welt-Weizenernte (762 Mio. t) das hohe Niveau aus dem Vorjahr halten kann", erklärte Gessl.

Die Weizenernte verzeichnet nahezu eine Verdoppelung in Australien, dem fünfgrößten Weizenlieferanten auf den Weltmarkt. Zuwächse der Weizenproduktion sind auch in Russland, Kanada und Argentinien zu verzeichnen. Rückgänge werden in der EU-27 - dem größten Weizenproduzenten weltweit -, in den USA sowie in der Ukraine erwartet. Für den erwarteten Maisproduktionsrekord sind Zuwächse in den USA (+10,1%) - dem weltweit größten Maisproduktionsland - verantwortlich. Höhere Maisernten werden auch in Brasilien, in der Ukraine, in der EU-27 sowie in Russland erwartet.

Produktion übersteigt Verbrauch - Lagerbestände steigen

Mit geschätzten 2,218 Mrd. t wächst der weltweite Getreideverbrauch auf ein neues Rekordniveau (+1,8%), liegt jedoch erstmals seit vier Jahren unter der Produktionsmenge. Rückgänge der Weizenverfütterung (-3,8%) - bedingt durch die COVID-19-Krise - werden durch einen erhöhten Nahrungsverbrauch von Weizen kompensiert. Bei Mais werden weiterhin weltweit Anstiege in der industriellen Verarbeitung sowie in der Verfütterung erwartet. Die globale Versorgungslage ist mit Lagerendbeständen in Höhe von 28,2% des weltweiten Verbrauchs gut und liegt laut dem Experten jedoch trotz Produktionsrekord unter dem Spitzenwert aus 2016.

Neue Spitzenwerte für Sojabohnen und Sonnenblumen

Die globale Ölsaatenproduktion erreicht im heurigen Jahr mit voraussichtlich 604 Mio. t ein neues Rekordniveau mit deutlichen Steigerungen zum Vorjahr (+4,7%). Sojabohnen (362,5 Mio. t) und Sonnenblumen (56,8 Mio. t) erreichen neue Spitzenwerte. Die Sojabohnenproduktion wird in den USA, in Brasilien sowie in Argentinien ausgeweitet. Diese drei Länder umfassen 81,9% der weltweiten Sojaproduktion. Bei der Sonnenblumenernte werden Zuwächse in Russland, in der Ukraine sowie in der EU-27 erwartet. Die weltweite Rapsernte steigt leicht gegenüber dem Vorjahr trotz geringer Ernteaussichten in der EU-27.

Weltweiter Handel - USA und China dominieren

Während beim weltweiten Getreidehandel die USA führendes Exportland bleiben, dominiert am Ölsaatenmarkt Brasilien als größter Sojabohnenexporteur. Importseitig beeinflusst China als weltweit größter Verbraucher weiterhin den internationalen Handel. Während die EU-27 einen deutlichen Einbruch der Weizenproduktion erleidet und somit das heurige Exportprogramm geringer ausfällt, ist Russland der bedeutendste Anbieter am internationalen Weizenmarkt. Die gestiegenen Ernteaussichten bei Mais und Sojabohnen erhöhen die Exportmöglichkeiten der USA, sie bleiben somit nach Brasilien der wichtigste Lieferant im weltweiten Handel.

COVID-19 beeinflusst Preisnotierungen

Die internationale Weizennotierung an der Euronext in Paris liegt laut Gessl mit 183,50 Euro/t leicht über dem Vorjahresniveau. Der Kurs erreichte während den gestiegenen Haushaltseinkäufen bedingt durch die COVID-19-Krise im März 2020 ein 12-Monatshoch (203,75 Euro/t).

Die Maisnotierung an der weltweit bedeutendsten Getreidebörse in Chicago liegt derzeit bei 111,26 Euro/t und somit nahe dem 12-Monatstief von Ende April 2020 (110,29 Euro/t). Dieser Tiefpunkt wurde aufgrund der deutlich gesunkenen US-Bioethanol-Produktion, infolge des historischen Rohölpreistiefs, hervorgerufen, berichtete der Experte. Die Spannung zwischen den USA und China sowie die guten Maisernteaussichten beeinflussen die derzeitige Preisentwicklung. Die Sojabohnennotierungen in Chicago befanden sich zu Beginn der COVID-19-Krise - im Windschatten des Rohölmarktes - auf einer Talfahrt. Danach folgte - durch befürchtete Lieferengpässe - eine Aufwärtsbewegung auf ein 3-Monatshoch. Nach Eintreffen ausreichender Lieferungen im April sowie aufgrund rekordverdächtiger Ernteprognosen für die Sojabohne in Südamerika sanken die Notierungen unter das Vorkrisenniveau, informierte Gessl. (Schluss)

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