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27.03.2020

Corona-Ängste und Fundamentals raufen um Einflussnahme auf Getreidemärkte

Weizennotierungen an Euronext über Vorkrisenniveau - Auch Preise in Österreich steigend

Wien, 27. März 2020 (aiz.info). - An den internationalen Getreidemärkten raufen Fundamentaldaten wie starke Nachfrage nach insbesondere Weizen und Reis, Lieferengpässe bei Sojabohnen sowie Verbrauchsrückgänge beim Mais für die Ethanolversprittung in den USA mit immer wieder an- und abschwellenden Corona-Ängsten darum, welche Faktoren preisbestimmend sind. Die wechselnden Stimmungen werden zudem von politischen Faktoren wie massiven Finanzspritzen und Konjunkturhilfspaketen von Regierungen beeinflusst. Diese wiederum wirken als Einflussfaktoren auf die Konjunkturaussichten, Finanz- und Rohölmärkte sowie Währungskurse und letztlich auch auf die Agrarmärkte. Der Weizenkassamarkt in der EU wie auch in Österreich hält sich fest, die Preise steigen. Die Weizennotierungen an der Euronext in Paris haben nach einer Rallye und einigen diese Woche mit den Stimmungswechseln sowie kurzfristigen Gewinnmitnahmen folgenden Auf- und Abbewegungen praktisch das Vorkrisenniveau wieder überwunden. Siehe dazu auf aiz.info die Analyse des Internationalen Getreiderates IGC: "IGC: 2020/21 globale Rekordernte - Lager schmelzen außer in USA weiter ab". Am späten Freitagmittag hielt der Pariser Weizenkontrakt zur Lieferung im Mai bei 197,15 Euro/t und der für die neue Ernte maßgebliche Dezember-Liefertermin bei 189,50 Euro/t.

Am Freitag beflügelte vor allem den Weizenmarkt an der CBoT in Chicago eine Agenturmeldung, wonach Russlands Agrarministerium in einem Statement bekannt gegeben habe, Quoten für den Getreideexport und speziell von Weizen für den Rest des Wirtschaftsjahres von April bis Ende Juni vorzuschlagen. Die Rede war von 7 Mio. t - ungewiss, ob nur für Weizen oder für alles Getreide. Man wolle damit in der Corona-Krise die Inlandsversorgung sichern - zuletzt stiegen die Preise markant. Die russische Getreideunion rief Landwirte und Verarbeiter indes auf, bis Mitte Mai von weiteren Preiserhöhungen Abstand zu nehmen.

Neben den Weizennotierungen profitierten zuletzt auch die im Sojabereich, wegen wachsender Nachfrage Chinas in den USA und vor allem wegen Streiks von Hafenarbeitern in Argentinien, die aus Angst vor Corona-Ansteckungen die Arbeit niederlegen. Argentinien ist weltweit einer der drei wichtigsten Lieferanten von Sojabohnen, vor allem aber von Sojaschrot. Ausbleibende Sojaschrotlieferungen aus dem Land am La Plata und auch Hafensperren in Italien sowie Transporteinschränkungen in Europa - für Österreich von Norden her auch durch Schleusenwartungen an der Donau - ließen Sojaschrotpreise in Europa sprunghaft in die Höhe steigen. Schwach - gebeutelt vom Absturz der Rohölpreise - bleiben hingegen die internationalen Notierungen von Mais und auch Raps. Dessen Future an der Euronext kämpft verbissen darum, sich zur Lieferung im Mai bei 350 Euro/t zu halten.

Exporte brummen - Exporteure eng versorgt - Importeure, China und Indien horten

Eine erste den Binnenabsatz von Weizen - und in Asien den von Reis - kurzfristig in die Höhe treibende Hamsterkaufwelle privater Haushalte scheint in unseren Breiten vorerst zu verebben. Am Weltmarkt bleibt die Nachfrage von Weizenimporteuren stark, man scheint sich zusätzlich zu der in vergangenen Jahren getätigten Aufstockung der Lagerhaltung noch mehr mit Reserven eindecken zu wollen. Etliche Analysten meinen, sollten die Exportnationen aus der Krise auch den Schluss ziehen, ihre Krisenlager aufzustocken und Ausfuhren zu bremsen, könnte dies einen weiteren Boost für die Preise bedeuten. Denn trotz global vermeintlicher Versorgungslage tun sich geografisch sehr unterschiedliche Lagerstände auf. Die Exportnationen haben sehr knappe Lager, wohingegen die großen Reserven bei Importeuren sowie in China und Indien liegen. Die EU exportiert weiterhin Weizen, was die Achse hält: In der letzten Berichtswoche meldet die EU-Kommission Weichweizenausfuhren in Drittländer während der 38 Wochen des laufenden Wirtschaftsjahres von 23,209 Mio. t - um 72% mehr als ein Jahr zuvor. Diese Woche gewannen Anbieter aus der Union offenbar eine Ausschreibung Algeriens zur Lieferung von 240.000 t Weizen im Juni. Als Preise c&f (costandfreight) wurden dafür umgerechnet 221,34 bis 223,65 Euro/t kolportiert. Bei der letzten Ausschreibung am 12. März zahlten die Algerier mit 208,43 bis 209,35 Euro/t noch deutlich weniger.

Auch beim Konkurrenten Russland stiegen zuletzt - auch wegen des Rubelverfalls - die sowohl die Inlands- als auch die Exportpreise und milderten den Preisdruck vom Schwarzen Meer. Und allmählich springt bei einem wichtigen Weltmarktplayer, den USA, mit der zunehmenden Normalisierung der Verhältnisse in China die Nachfrage nach Lieferungen von Sojabohnen, Mais und anderen Agrarprodukten an. Die US-Exportzahlen stiegen jüngst sprunghaft.

Engpass und zugleich preistreibendes Element, aber im Gegenteil auch Grund für die Angst vor einem Preisverfall, sollte der Abfluss von Ware zum Erliegen kommen, ist der Transport und seine Behinderungen durch Bewegungsbeschränkungen und Grenzblockaden einzelner Staaten wie in der näheren Umgebung Österreichs solcher durch Ungarn.

Preise am Kassamarkt in Österreich weiter gestiegen

Die Kassamarktpreise für Brotweizen steigen in Österreich weiter. Händler berichten, sowohl inländische Mühlen als auch Kunden aus Italien seien am Markt und an Ware interessiert. Knackpunkt sei allerdings die Logistik, ob das Getreide auch tatsächlich vom Verkäufer zum Käufer transportiert werden könne. Hier wiederum bereite vor allem der Warenverkehr aus Ungarn, Kroatien, Serbien und Slowenien sowohl nach Österreich, vor allem aber nach Italien das stärkste Kopfzerbrechen. Insbesondere Ungarns Behörden stehen wegen, so Marktteilnehmer, nahezu "schikanöser" Behinderungen des Lkw-Verkehrs massiv in der Kritik. Im Inland erwartet die Branche aufgrund der im Zuge der Corona-Krise und der Beschränkungen der Sozialkontakte gestiegenen Nachfrage nach Brot und Gebäck sowie Haushaltsmehl eine über den bisherigen Prognosen und den Vorjahreswerten liegende Getreidevermahlung.

Die Wiener Produktenbörse notierte am Mittwoch dieser Woche Premium- (190 bis 198 Euro/t, +3 Euro) und Qualitätsweizen (184 bis 188 Euro/t, + 5,50 Euro) neuerlich höher. Auch die Durumpreise sollen - obwohl diesmal nicht notiert - neuerlich von ihrem Fünfjahres-Hoch Richtung 300 Euro/t ab Station weiter in die Höhe geschnellt sein. Die Pastaproduktion für und in Italien laufe auf Hochtouren, heißt es. Importe von Futterweizen nach Kärnten aus dem EU-Raum notieren CPT höher als inländischer Mahlweizen (176 bis 180 Euro/t) ab Station. Dem Vernehmen nach solle mangels Futterware schon Mahlweizen für die Verwertung im Trog nachgekauft werden.

Explosionsartig nach oben ging es mit den Notierungen von Eiweißfuttermitteln. Auslöser seien Corona-Ausbrüchen geschuldete Engpässe von Exportverladungen in Südamerika sowie auch solche in italienischen Häfen und die noch bis Ende nächster Woche wegen Schleusenwartungen unterbrochene Donau-Wasserstraße für Lieferungen aus dem Norden. (Schluss) pos

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